Harry Graf Kessler, Flaneur durch die Moderne, Max Liebermann Haus, bis 25.09.2016

Ausstellung

Aristide Maillol, La Mediteranée, Bronze 1906 (in der Ausstellung Harry Graf Kessler)
Aristide Maillol, La Mediteranée, Bronze 1906 (in der Ausstellung Harry Graf Kessler) © Berlin-Woman

Harry Graf Kessler, Flaneur, Kunstsammler, Mäzen, Weltreisender, Pazifist und Chronist der gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Umbrüche nach 1900. Ein Großteil seiner Tagebücher (57 Bände) schlummerten unentdeckt in einem Banksafe und sind nun vom Marbacher Literaturarchiv ediert worden. Darin finden sich nicht nur Begegnungen mit 12.000 Persönlichkeiten. Sie erzählen auch davon, wie wichtig Kunst, Kultur und Philosophie in Zeiten von Krieg, Revolution und Gesellschaftswandel sind. Bis zum 25.09.2016 zeigt das Max Liebermann Haus eine Ausstellung über den Kunstpolitiker.

Die Ausstellung über Harry Clemens Ulrich Graf von Kessler (23.05.1868-20.11.1937) zieht die Besucher.innen direkt in dessen Welt. Mit wandhohen schwarzweißen und farbigen Fotoreproduktionen wird sein Wohn- und Kunstambiente erlebbar gemacht. So glaubt man, in Kesslers Arbeitszimmer in Weimar zu stehen, das der Werkbund-Architekt und Designer Henry van de Velde für den Freund entworfen hatte. Oder an einer der Ausstellungseröffnungen teilzunehmen, die Kessler als Direktor des Großherzoglichen Museums für Kunst und Kunstgewerbe in Weimar veranstaltete. Hier machte er ab 1902 die Deutschen mit den französischen Modernen Manet, Monet, Renoir und Cézanne vertraut, bis man ihm 1906 den Posten entzog. Der Grund: die Präsentation „anzüglicher“Aktzeichnungen von Auguste Rodin. Reproduktionen in Leuchtkästen klären auf, dass allein die Darstellung des nackten Körpers die monarchistischen Moralvorstellungen allzu tief verletzte.

Kennengelernt hatte Kessler die Impressionisten, Symbolisten und Vertreter der Arts & Craft-Bewegung im Rahmen seiner Arbeit für die Kunstzeitschrift „Pan“. Neben bekannten Künstlern unterstützte er auch Newcomer, wie Edvard Munch oder Aristide Maillol. Kesslers Portraits von Munch im Ausstellungsabschnitt mit Originalwerken zeigen einen eleganten, attraktiven Mann von Welt – seine Homosexualität lebte er dezent aus.

Immer dicht am Kunstgeschehen seiner Zeit trieb es Kessler in die europäischen Hauptstädte, wo er mit Persönlichkeiten aus Literatur, Theater, Kunst und Kultur sein Netzwerk ausbaute, darunter Albert Einstein, Hugo von Hofmannsthal, Max Reinhardt, Andrée Gide, Walther Rathenau und Sarah Bernard … In der eigens gegründeten Cranach-Presse gab er wertvolle Bücher und Ausstellungskataloge heraus – eine Auswahl davon ist in der Ausstellung zu sehen. Mit den Secessionisten Lovis Corinth, Max Klinger, Max Liebermann u.a. gründete Harry Graf Kessler den deutschen Künstlerbund, um die Vielfalt und Freiheit der Kunst gegen die staatliche Bevormundung zu schützen. Er begeisterte sich für immer neue Kunstströmungen, darunter auch den modernen Tanz durch das Ballet Russe mit dem Choreographen Sergei Djagilew.

Der 1. Weltkrieg machte aus dem eher unpolitischen Kunstfreund erst einen Offizier und nach dem Massenmorden bei Verdun einen Pazifisten und engagierten Gesellschaftskritiker. Er begann, sich für den sozialkritischen Künstler George Grosz zu interessieren. Die Novemberrevolution, der Völkerbund und der Antifaschismus wurden Themen des ehemaligen Nietzsche-Anhängers und dann Mitglieds der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten ließ Kessler resignieren. Er emigrierte nach Paris, Mallorca und in die Provence. Er starb verarmt in Lyon.

Im Obergeschoss der Ausstellung sind Kesslers Tagebücher ausgebreitet, 57 Bände aus den Jahren 1880-1937 vom Literaturarchiv Marbach editiert. Im Zusammenspiel von Videos und Tagebuchzitaten wird die kulturelle Tiefsicht des Kunstkenners, ja Kunstpolitikers ersichtlich. Nach Kessler machen es Kunst, Kultur und Philosophie möglich, die Entwicklungen in der eigenen Gesellschaft zu erkennen. Wie wahr und wie zeitgemäß.

Zum Schluss noch mal ein Blick auf Rodins „Ehernes Zeitalter“ und Maillos „La Mediteranée“ im Erdgeschoss. Das „Mittelmeer“ ist eine schöne, kräftige junge Frau aus Bronze. Sie sitzt auf dem Boden, den Kopf hat sie nachdenklich auf den linken Arm gestützt. Tatsächlich hat sie viel zum Nachgrübeln: Die aktuellen Weltkrisen führen 100.000e Flüchtlinge über die Mittelmeerroute nach Europa, 3.000 fanden hier bislang den Tod.

Diese Ausstellungsidee könnte von Harry Graf Kessler persönlich stammen!

Harry Graf Kessler, Flaneur durch die Moderne, Max Liebermann Haus, Stiftung Brandenburger Tor, Pariser Platz 7, 10117 Berlin, Mo, Mi, Do, Fr 10:00 – 18:00 Uhr, Sa, So 11:00 – 18:00 Uhr, 8/6 €, bis 25.09.2016

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.