Neu! La Casa Entrada. Nr. 1: May Ayim – Die Perlentaucherin

La Casa Entrada: May Ayim

May Ayim
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Wir leben im Hier und Jetzt, das sich ständig verändert. Davon sind wir ein Teil. Menschen, die jetzt zu uns nach Europa und Deutschland kommen, fast alle unter Einsatz ihres Lebens, tragen nicht nur ihre Klamotten am Leib, sondern auch ihre Geschichten mit im Gepäck. Die Angst vor dem Anderen ist derzeit stark spürbar in Europa. Aber der Andere – das bin doch immer auch ich selbst?! Die Vielfältigkeit der Menschen, die kommen und gehen, derjenigen, die immer schon in Bewegung waren, heißen wir nicht nur willkommen, sondern wir möchten sie gleich auch angemessen feiern. Mit der neuen Serie „Casa Entrada“ öffnen wir in schillernden Texten den Blick auf Frauen und Männer, die Orte verlassen haben, um neu anzukommen. Die gegangen sind, um zu bleiben und wieder gehen mussten. Häufig im geografischen, mehr noch aber im künstlerisch-geistigen Sinne. Am Tisch in der Casa Entrada ist für alle Platz. Hier hinterlassen Menschen in Bewegung einen bleibenden Eindruck. Nr. 1: May Ayim – Die Perlentaucherin unserer Gastbloggerin Liva Haensel:

May Ayim hat sie alle in die Tasche gesteckt. Die Wissenschaftler an der Universität, die ihr erzählen wollten, dass es den Terminus afro-deutsch doch gar nicht gebe. Ihre Pflegeeltern in Münster, in deren Obhut sie lieber nicht auffallen sollte. Die unzähligen deutschen Normalos, die es sich nach der Wiedervereinigung in ihrem Alltagsrassismus kuschelig eingerichtet hatten. Ihnen allen hat May, die mit bürgerlichem Namen Gertrud Opitz hieß, etwas entgegengesetzt.

Die Frau, deren Vater aus Ghana und Mutter aus Deutschland stammten, entwickelte sich im Laufe ihres Lebens zu einer wahren Wortkünstlerin. May schrieb Gedichte und Essays. Bewusst nutzte sie dabei deutsche Redensarten und Worte, an deren Buchstaben sich subtil und ganz offen rassistische Ressentiments anschmiegen. Sie konstruierte Bilderketten und provozierte Assoziationen bei den Lesern. May suchte damit auch ihren eigenen Weg im Leben. Wo ist Licht im Dunklen für eine junge Afrodeutsche? Wer spricht meine Sprache, wer versteht? Fragen, die May häufig begleitet haben mögen. Vor 20 Jahren, am 09.08.1996, nahm sie sich mit 36 Jahren das Leben. Ausschlaggebend für die erfolgreiche Pädagogin, Logopädin und Schriftstellerin war eine Multiple-Sklerose-Diagnose. Vorangegangen waren psychische Krisen und eine unglückliche Liebe.

Es existiert kein Ort in dieser Welt, an dem es keinen Rassismus gibt, hat May Ayim einmal gesagt. Eine bittere Bilanz von einer, die es wissen muss. Aber was bleibt, das ist wichtig. Bis heute ist die Kraft von May in ihren Büchern spürbar – und deren Aussagen jetzt aktueller denn je. Sie, die zum ersten Mal den Begriff der Afrodeutschen prägte, die die Initiative „Schwarze Deutsche“ mitgründete und schwarzen Frauen in Deutschland mit ihrem Buch „Farbe bekennen“ ein Gesicht gab, hat uns mehr hinterlassen als wir begreifen können.

May war eine herausragende Intellektuelle. Ihr einmaliger Beitrag zur Grundlagenforschung in der deutsch-afrikanischen Geschichte machte sie bis in die USA und nach Südafrika bekannt. Als politische Aktivistin setzte sie ganze Wegmarken, wo zuvor nur gähnende Leere herrschte. Sie wehrte sich gegen Rassismus und Sexismus und lehnte alle Ismen ab, weil sich diese mit den universalen Menschenrechten nicht vereinbaren ließen. Ihre Weitsicht gab ihr Recht. „Vorher gab es immer nur die Begriffe Mulatte, Neger, Mischlingskind. Wir aber haben uns zum ersten Mal als Afrodeutsche bezeichnet und diesen Ausdruck gemeinsam entwickelt“, berichtete May Ayim in einem Interview. Damit verlieh sie zehntausenden anderen Deutschen endlich eine Stimme.

In ihrer Wortakrobatik kann sich die Künstlerin mit Paul Celan messen, dem jüdischen Dichter aus der Bukowina, der nach Paris ins Exil ging und als Überlebender der Naziverfolgung keine Luft mehr zum Atmen fühlte. Doch in Germanistikseminaren findet man Mays Werke nur selten thematisiert. Dort wird lieber zum hundertsten Mal über Goethes Faust palavert oder Lessings Nathan der Weise auseinandergenommen.

Was hätte May zu der Bewegung „Black lives Matter“, zu Islamophobie und steigendem Antisemitismus, zu PEGIDA und der AfD gesagt? Ihre Meinung haben wir heute nötiger denn je. Good Bye again, May. Verzweifle nicht. Wir tun es auch nicht. Und danke für alle wunderbaren Perlen, die Du jemals für uns gesammelt hast!

Exotik ( Erschienen in: „Weitergehen“ 1985)

Nachdem sie mich erst anschwärzten
zogen sie mich dann durch den kakao
um mir schließlich weiß machen zu wollen
es sei vollkommen unangebracht
schwarz zu sehen

Zum 20. Todestag der Poetin am 9.08. dieses Jahres ist das Buch „Sisters and Souls. Inspirationen von May Ayim“ erschienen. Hrsg. von Natasha A. Kelly, Orlanda Verlag Berlin 2016

May Ayim auf youtube

May Ayim u.a. (Hrsg.), Farbe bekennen, afrodeutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte

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