Kino mit Berlin-WoMan: Toni Erdmann – Teambuilding mit Vater

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In Cannes hatte er Premiere und wurde gefeiert. Nun ist der Film „Toni Erdmann“ von Maren Ade in den Kinos und kann, ja muss angeschaut werden. Hier geht es um eine Vater-Tochtergeschichte und um Menschliches und Mögliches in (un)möglichen Situationen. Unsere Gastbloggerin Liva Haensel hat den Film gesehen:

Da lieben sich zwei, sehr sogar. Er (Peter Simonischeck) hat sie zur Schule gebracht, früher, zuhause, und ihr Spaghetti mit Käse gekocht Aber sie (gespielt von Sandra Hüller) ist jetzt erwachsen und macht Karriere als Unternehmensberaterin in Bukarest. Vater Wienfried, ein Musiklehrer und Spaßvogel, lebt mit seinem alten Hund Willy bei München und fragt sich, ob das alles gewesen sein soll im Leben seiner 35-jährigen Tochter Ines. Und so macht er sich auf, um seine Tochter zu besuchen. Der Vater kommt und geht nicht mehr.

Und der Film Toni Erdmann nimmt seinen Lauf und den Zuschauer mit auf diesen Weg, auf dem sich zwei Menschen zwischen Einkaufsmalls, leergetrunkenen Champagnerflaschen und Businessgefasel noch einmal ganz neu kennenlernen.

Abgesehen davon, dass Regisseurin Maren Ade nicht nur wunderbare Seitenhiebe auf die neoliberal-konsumüberlaufende Consultingbranche und ihren Wahnwitz sowie männlich-übereifrige Arbeitsmarktmuster verteilt, handelt es sich bei dem neuen Kinofilm Toni Erdmann vor allem um eins: eine große Liebe. Wenn Ines Conradi anfängt zu schluchzen, während sie das abfahrende Taxi ihres Vaters beobachtet oder der Vater nach einem wirren Weg durch Bukarest schließlich am Boden liegt vor lauter Erschöpfung, ahnt man, dass diese zwei Menschen gerade durch alle ihnen mögliche Gefühlswelten hindurchgehen.

Ein Duell zwischen zweien, die sich mögen – und sich gleichzeitig total fremd sind. Um sich seiner Tochter Ines anzunähern, schlüpft der Vater in die Rolle der Kunstfigur Toni Erdmann und sorgt damit für irre Begegnungen, toternste Gesichter bei Firmen-Nacktparties und schliesslich dafür, dass er zu seiner Tochter als Coach eine Nähe herstellen kann, die ihm als Vater von Ines nicht gelingen mag.

In Cannes wurde der Film als Publikumsliebling gefeiert, die deutschen Medien schrieben viel über hässliche Zahngebisse und lustige Szenen. Aber Toni Erdmann ist vielmehr ein grandioser Liebesfilm – herrlich normal, gleichzeitig abgrundtief komisch und traurig zugleich. Ein Film, der noch lange nachwirkt. Weil wir uns alle in Ines und Wienfried ein bisschen wiedererkennen können.

Toni Erdmann läuft seit dem 14.7.2016 in den deutschen Kinos.

Toni Erdmann in den Berliner Kinos

Ein Gedanke zu „Kino mit Berlin-WoMan: Toni Erdmann – Teambuilding mit Vater

  1. Ich schließe mich voll und ganz an! Habe Freitag ebenfalls „Toni“ mit großem Genuß gesehen, obwohl der Film 2,5 Stunden lang ist, habe ich mich keine Sekunde gelangweilt. Hochachtung vor dieser grandiosen Filmemacherin, die ihre Figuren mit großem Einfühlungsvermögen zeichnet, mit Humor und Tiefsinnigkeit.

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