Gegenstimmen. Kunst in der DDR 1976-1989, Martin-Gropius-Bau bis 16.09.2016, mit Bildstrecke

Ausstellung

Kunst in der DDR
© Berlin-Woman

Am 16.11.1976 gab die SED die Ausbürgerung des regimekritischen Liedermachers Wolf Biermann bekannt. Eine Protestwelle zog durchs Land und viele Künstler.innen der DDR thematisierten ihr Unbehagen und Divergenzgefühle gegenüber ihrem Staat. Auf diese bislang kaum wahrgenommene, dabei so bedeutende Entwicklung in der modernen Kunst in Deutschland macht die Ausstellung „Gegenstimmen. Kunst in der DDR 1976-1989“ im Martin Gropius Bau aufmerksam. Eine tolle und höchst aktuelle Schau!

 

Bildstrecke: Christine Schlegel, Sabine Herrmann, Trak Wendisch, Klaus Killisch, Hans-Hendrik Grimmling, Reinhard Stangl/Hans Scheib, Ralf Kerbach, Angela Hampel, Reinhard Zapka, Cornelia Schleime, Annette Schröter  Fotos© Berlin-Woman

160 Gemälde, Mulitmedia-Arbeiten, Fotogafien, Objekte und Skulpturen sind die Gegenstimmen in der derzeitigen Schau zur DDR Kunst 1976-1989 der Berliner Festspiele im Martin-Gropius-Bau. Ihre Schöpfer.innen, Künstler.innen aus Berlin-Prenzlauer Berg, Dresden und Leipzig bieten spannungsgeladene Allegorien zu Leben, Arbeiten, Handeln und Denken der letzten 13 Jahre DDR. Sie entstanden obwohl oder besser: gerade weil die Stasi observierte, die Kunstfunktionäre nur den sozialistischen Menschen gelten ließen und die DDR Schritt für Schritt unterging. Nicht alle Ausstellungsteilnehmer.innen waren in der Opposition. Doch alle formulierten ästhetisch deutlich Unbehagen, Kritik und Freiheitsdrang gegenüber den Staatsdoktrin.

Christine Schlegel kam über die freie Dresdner Theatergruppe: SUM zu ihrer Ausdrucksweise, wie die großen Zeichnungen auf Büttenpapier „SUM Ich bin Theater“ von 1984 exemplarisch zeigen. Sie verbinden Performances, Gesten, Körperfragmente, man entdeckt expressive, surreale, kubistische Elemente, die völlig frei miteinander kombiniert sind. Eine wild-schöne körperliche Kunst.

Auch Sabine Herrmann hatte ihre spezielle Inspirationsquelle. Durch die Bücher der US-amerikanischen Schriftstellerin Kathy Acker entdeckte sie ihre Bildthemen. Aggression und Wut waren der Ursprung ihres freien ästhetischen Arbeitens. So ist die herb-androgyne Gestalt der Don Quixote (1989) von einer Lichtaureole umgeben, eine Reminiszenz an die feministische Punkerin, die sich gegen den – männlichen – Mainstream wehrt.

Das Gemälde „Mann mit Koffer“ (1983) des Bildhauers Trak Wendisch lässt das Berliner Mauerfeeling wieder aufkommen. Vor der nächtlichen Silhouette Berlins steht ein blasser Mann im Wintermantel und mit einem Koffer in der Hand auf einer Straße. Ortlosigkeit und Entschlossenheit gehen von ihm aus, hervorgehoben durch die Monochromie und die glatten Konturen. Der Künstler ist auf dem Weg!

Auf dem Gemälde von Klaus Killisch steht ein Mann direkt vor einer (der) Mauer (1988). Outfit und Move erinnern an Michael Jackson. Er tanzt, und lebhaftes rotes, blaues, gelbes und weißes Licht und schwarze Schatten schlängeln über seinen eleganten Ganovenanzug. 1980erJahre Berliner Clubfeeling in neuer wilder Malerei, diesseits oder jenseits der Mauer. Die Vereinigung des Zeitgeist hatte längst stattgefunden.

In der Ausstellung spricht die Kunst eine universelle Sprache, die Aufbruchstimmung jener Zeit ist zu spüren. Und die Abwehrhaltung, kaum krasser als im 4-teiligen Werk „Die Umerziehung der Vögel“ von Hans-Hendrik Grimmling von 1977 wiedergegeben: Puppenartige männliche Wesen versuchen einen großen schwarzen Vogel zu überwältigen, um dann selbst mit Flügeln und Schnabel ausgestattet in die Tiefe zu stürzen. Eine ästhetisch schöne und inhaltlich gruselige Allegorie auf Gesellschaft und Staat, bis heute so wahr!

Inmitten der Ausstellung stoßen wir auf die Gemeinschaftsarbeit „das Gespräch“: ein Figurengemälde von Reinhard Stangl mit Holzskulpturen von Hanns Scheib aus dem Jahr 1987. Die Gestalten im preußischen Schwarzweißrot und deutschem Schwarzrotgold geben ein „Bild von Deutschland“ wider, ein Land, (im Westen) herausgelöst aus seiner Geschichte und mit einer hemmungslosen Ich-Kultur.

Zweifelsfrei haben die hohe künstlerische Qualität, die deutlichen Fragestellungen, die Unbeirrbarkeit und Power dieser Werke ihren Platz in der Gegenwart. Ebenso die Statements der Künstler.innen, die zeigen, dass und wie es geht. Das sollte sich niemand entgehen lassen!

Gegenstimmen. Kunst in der DDR 1976-1989, Berliner Festspiele im Martin-Gropius-Bau,
Niederkirchnerstr. 7, 10963 Berlin, 16.07.-26.09.2016

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