Berlin, Europas größtes Kaffeehaus. Eine kleine Geschichte der Cafés am Kurfürstendamm

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Romanisches Café, Terrasse, 1925, Bildquelle: http://www.zeitreisen.de/kaestner/adressen/romanisches.htm
Romanisches Café, Terrasse, 1925, Bildquelle: http://www.zeitreisen.de/kaestner/adressen/romanisches.htm

Müßiggang, Schreiben, Nachdenken, Diskutieren, und das alles bei einer Tasse Kaffee oder einem Kirsch. Bis 1933 gehörte die Hälfte des Kurfürstendamm Trottoirs den Kaffeehausgästen, die es sich auf den großen Straßenterrassen gemütlich machten. Und das seit 1893. Der Berliner Westen hatte eine großartige Cafékultur mit allem was dazu gehört. Das hat Berlin-WoMan auf einer historischen Stadtführung erfahren, die Berlin als „größtes Kaffeehaus Europas“ vorstellt. Hier erfahrt ihr mehr:

Angefangen hat alles am Kurfürstendamm Nr. 18/19 Ecke Joachimsthaler Straße, dem heutigen Kranzler Eck in einem reich geschmückten Wohnhaus mit Attika und Balustrade. Hier wurde 1893 das „Kleine Café“ eröffnet, das erste Kaffeehaus im Neuen Berliner Westen. Bald entdeckt von den Künstlern aus den umliegenden Häusern und in „Café des Westens“ und dann in „Café Größenwahn“ umgetauft. Mit dem Koch Roco und der Hinzunahme des ersten Obergeschosses entwickelte sich die Location zum Zentrum für Künstler, Theaterleute und Journalisten. Hier verkehrte Ernst von Wolzogen, der erste deutsche Kabarettgründer, Max Reinhardt, Richard Strauss. Maximilian von Harden, Christian Morgenstern, Max Liebermann und viele mehr. Die Künstlerszene zog das zahlungskräftige Publikum an, und das glich manche unbezahlte Künstlerrechnung aus.

Vor dem ersten Weltkrieg traf sich hier dann alles, was in der Avantgarde Rang und Namen hatte: Else Lasker Schüler, Herwarth Walden, Erich Mühsam, Frank Wedekind u.a. Nachdem das Café 1915 für den Abstieg des Kudamms verantwortlich gemacht worden war, zog die Karawane weiter ins

Romanische Café an der Kaiser Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, dort, wo heute das Europa-Center steht. Das etwas düster wirkende neoromanische Haus stammte von 1899. Hier gründete der Kaufmann Bruno Fierung 1916 das Romanische Café, wo bald schon die Crème de la Crème aus Kunst- und Geistesleben verkehrte. Aufgeteilt auf die sogen. Schwimmer- und Nichtschimmer-Bassins, wo sich die Profis bzw. solche, die es werden wollten, tummelten. 1933 beanspruchte die Gestapo einen eigenen Tisch und viele jüdisch stämmige Künstler*innen und Kreative verließen Café und Land für immer.

Bis dahin wurde das Romanische Café in so mancher Kunstproduktion verarbeitet, Lesser Ury malte es, Erich Kästner und Mascha Kaléko schrieben darüber, Friedrich Hollaender ließ es in seiner Revue „Bei uns um die Gedächtniskirche rum“ besingen, und im Film „Menschen am Sonntag“ taucht das Café als Kulisse einer Szene auf. Die Gästeliste quillt über von berühmten Namen: Bertolt Brecht, Else Lasker-Schüler, Stefan Zweig, Erich Maria Remarque, Gottfried Benn, Bruno Cassirer, Georges Grosz, Joachim Ringelnatz, Otto Dix, Irmgard Keun, Renée Sintenis … Das Romanische Haus fiel einer Bombe im Zweiten Weltkrieg zum Opfer.

Da hatte Mampes gute Stube am Kurfürstendamm Nr. 15 einen Tick mehr Glück. Die erfolgreiche Kräuterlikörbrennerei Mampe eröffnete Filialen in ganz Deutschland. So auch in den 1920er Jahren in Berlin. Bis heute ist die schöne dunkle Holzvertäfelung mit eingebauten Vitrinen für die edlen Tropfen erhalten geblieben. Kaum zu glauben, dass hier Josef Roth seinen Bestseller „Radetzkymarsch“ schrieb. Heute lassen die Hamburger von Mc Donalds, dem Mieter der denkmalgeschützten Hallen, die Kasse klingeln. Aber ein Blick hinein lohnt sich!

Ähnlich das Café Schilling, das 1899 im Marmorhaus Kurfrüstendamm Nr. 234 von Heinz Pfennig von Pfennig´s Feinkost eröffnet wurde und in den 1990er Jahren durch das Café Möhring ein kurzes Revival erleben durfte. Der imposante Konleuchter und das reich geschmückte S im Deckenstuck lassen erahnen, wie königlich man hier konsumieren konnte. Jetzt ist´s ein schnödes H & M, dessen Shopping-Süchtige kaum ein Auge für die historische Umgebung haben.

Wir beenden die Tour am Delphie-Palast auf der Kantstraße, der nach den Plänen von Bernhard Sehring 1927 als Tanzpalast errichtet wurde. Die großzügige Terrasse ist erhalten geblieben, wo wir bei Musik vom Grammophon in Kaffee & Kuchen und den Zwanziger Jahren schwelgen.

Die nächste Führung „Berlin, Europas größtes Kaffeehaus“ wird hier bekannt gegeben.

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