LUDWIG: ein neuer Kunstraum in Berlin-Neukölln. Ausstellung „CHAOSTROPHY“

Ausstellung

Stefano di Felice, Earth is Ours. Photography, Ausstellung "Chaostrophy"
Stefano di Felice, Earth is Ours. Photography, Ausstellung „Chaostrophy“

Ludwig Anzengruber war ein österreichischer Schriftsteller und Dramatiker. In seinen Stücken zeigte er die Menschen in all ihren sozialen Beziehungen. Anzengruber starb schon im 19. Jahrhundert, und dass er mal über die britische Avantgardeband Coil wachen würde, hat er sich bestimmt nicht träumen lassen. Jetzt schaut er, bzw. sein Portrait von der buntverglasten Trennwand herab auf die Werke von 34 internationalen Künstler*innen, die vom Coil-Kult inspiriert sind und die Ausstellung „Chaostrophy“ bestückt haben. Wir befinden uns im LUDWIG, einem neuen Kunstraum in Berlin-Neukölln.

LUDWIG war früher eine Kneipe und hieß „Anzengruber“. Davon zeugen noch Theke und Mobiliar, teilweise aus der Zeit um 1900 und um 1970. Ceven und Maurus Knowles haben die Location liebevoll hergerichtet und mit den Kuriositäten und Fundstücken ausgestattet, die sie bei ihren Umgestaltungsarbeiten entdeckt haben. Schaufensterpuppen, Holzvertäfelungen, Buntglas einer ehemaligen Trenntür, verschiedene Tapetenschichten … Der Kunstraum mit Getränkeausschank ist an sich schon ein Kunstwerk. Nun finden hier regelmäßig Ausstellungen statt, die Ceven Knowles – selbst Filmemacher und Musikvideokünstler – kuratiert.

Die aktuelle und erste Ausstellung „Chaostrophy“ dreht sich um die Band: Coil, bzw. die Inspirationen, die die eingeladenen Künstler*innen aus dieser Kultmusik beziehen. Coil existierte 22 Jahre bis 2004 und war Vorreiter der elektronischen „Industrial“ Music. Experimentell, romantisch, Bewusstseins- und Gefühls erweiternd – Coil produzierte Avantgardeklänge.

Das greift die Ausstellung auf und lässt es in Malerei, Zeichnung, Videokunst und Fotografie aufleben. Der finnische Künstler Uolevi Suntio mischt in einer photographischen Viererserie das Portrait eines Bärtigen (John?) mit Mandala ähnlichen Strukturen. Das Ergebnis sind Mischwesen, halb Mensch, halb Tier, halb Realität, halb Traum – wir sehen den Beginn einer Reise in die Vorstellungswelt des Künstlers.

Der Künstler Stefano di Felice aus Italien richtet in der Schwarzweiß-Fotografie „Earth is Ours“ das Augenmerk auf das dichte Wurzelwerk und das Geäst von Bäumen. Es rührt ein verloren gegangenes Gefühl der Naturzugehörigkeit an. Da, wo es kein Anfang und kein Ende gibt, wo wir einfach nur sind.

Der deutsche Konzept- und Installationskünstler Maurus Knowles zeigt dieses Mal eine wunderbare Zeichnung auf umgedrehten dicht beschriebenen Papieren. Sie setzt sich aus dicht und dann wieder spinnwebartigen Strichen zusammen. Ein Gesicht, ein tierähnliches Wesen oder nur eine spannungsgeladene abstrakte Struktur, die an die ecriture automatique der Surrealisten erinnert.

Der österreichische Künstler Zoe de Witt hat ein fein gezeichnetes Portrait des Coil-Musikers John Balance beigetragen. Es lässt an die Zeichnung eines Alten Meisters denken: Hans Holbein z.B. Hinter oder aus dem Kopf wuchern Äste und Gesträuch. Schönheit und Verwirrheit begegnen einander und werden als Facebook Sketches mit einem „gefällt mir“ markiert.

Auf Fotos, einem Video, Zeichnungen und Metallprints weiterer Künstler können wir uns in noch mehr fremde Welten hineinvertiefen. Unbekannte Räume, Totems, Symbole und Landschaften eröffnen sich uns. Insgesamt laden uns 34 Künstler*innen ein, auf einen Trip, eine Traumreise zu gehen. Dazu muss man Coil nicht unbedingt kennen. Doch nach der Vernissage habe ich mir die Musik angehört und die intuitive und experimentelle Kraft verspürt, die von Coil ausgeht. Und das immer noch!

Chaostrophy, artworks inspired by Coil. Multimedia artworks and performances. LUDWIG, Bar, Café, Kunst, Di – Sa: 15:00- 0/1:00 Uhr, So: Events, (die Galerie WERKRAUM schließt um 22 Uhr) Anzengruberstr. 3, 12043 Berlin, 17.06.-23.07.2016

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