Berlin-Women: Lotte Reiniger (02.06.1899-19.06.1981)

Berlin-Women

Lotte Reiniger 1939 in Rom, de.wikipedia.org. File:Lotte Reiniger 1939.jpg
Lotte Reiniger 1939 in Rom, de.wikipedia.org. File:Lotte Reiniger 1939.jpg

1919, fast 10 Jahre vor Disney, entstanden die ersten Trickfilme. Erfunden und produziert hat sie Lotte Reinger (02.06.1899-19.06.1981), eine Berliner Filmpionierin, Silhouettenschneiderin und Illustratorin. Heute jährt sich ihr Gedenktag zum 35. Mal.

Lotte Reinger wuchs in bürgerlichen Verhältnissen in Berlin auf und gestaltete schon als Kind ihr erstes Silhouettentheater. Als junge Frau besuchte sie die Max Reinhardt-Schule am deutschen Theater. Sie schnitt feine Porträt-Silhouetten der Schauspieler/innen, die sie auf der Bühne sah. Das Theaterspielen prägte ihren Sinn für die szenische Inszenierung.

Doch dann war ihre Filmbegeisterung geweckt. Der Film-und Theater-Regisseur Paul Wegener eröffnete ihr die Welt des Trickfilms. Für zwei seiner Filme beauftragte er Lotte Reiniger 1918, Zwischentitel mit Silhouetten auszugestalten. Schon da hatte sie ihren unverwechselbaren Stil der filigranen, fein ziselierten leicht überlängten Figuren, Pflanzen, Architekturen und Landschaften entwickelt. Wegener regte die Künstlerin an, damit auch eigene Silhouetten-Filme zu erstellen. Das wurden die ersten Trickfilme in der Geschichte des Films überhaupt. Das Debüt war der Kurzfilm „das Ornament der verliebten Herzen“ von 1919. Er entstand im „Institut für Kulturforschung„, das von jungen Künstlern und Wissenschaftlern unter der Leitung von Hans Cuerlis gerade eröffnet worden war.

Nach dem erfolgreichen Start begann Lotte Reiniger für Werbefilme und Produktionen von Märchenverfilmungen zu arbeiten. 1921 ging sie eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft mit dem Regisseur und Drehbuchautor Carl Koch ein. Das Paar arbeitete an der Potsdamer Privatschule des Bankiers Louis Hagen, wo ihnen die Weiterentwicklung der Silhouetten-Filme in einem eigenen Studio möglich war. So entstand 1923-26 in Zusammenarbeit mit Walter Ruttmann und Berthold Bartosch der erste abendfüllende Trickfilm der Filmgeschichte: Die Abenteuer des Prinzen Achmed mit 300.000 Einzelaufnahmen. 1928 dann der Film Dr. Doolittle und seine Tiere in Kooperation mit Paul Dessau, Kurt Weill und Paul Hindemith. Weitere Produktionen, darunter eine Parodie auf die Oper Carmen und Verfilmungen von Mozart-Opern, folgten. Lotte Reiniger stand in regem Austausch mit den Avantgardegrößen ihrer Zeit, wie der Bauhauskünstler Laszlo Moholy-Nagy, der Expressionist Karl Schmidt-Rottluff, der Regisseur Fritz Lang, der Dichter Carl Zuckmayer und der Dramatiker Bertolt Brecht.

1933 übernahmen die Nazis die Macht in Deutschland, 1935 verließ die Künstlerin mit ihrem Mann das Land und ging nach London, Paris und Rom. Reinger schuf weitere Silhouettenfilme in illustren Kooperationen. Igor Strawinski stellte seine Pulcinella-Suite als Musik für einen ihrer Filme zur Verfügung, Benjamin Britten schrieb für einen anderen die Filmmusik und mit dem Regisseur Jean Renoir (Sohn des berühmten Malers) entstand der Film La Marseillaise. Reiniger arbeitete auch mit dem italienischen Filmregisseur Luchino Visconti zusammen.

Das Ende der Nazizeit erlebte das Paar wieder in Berlin. Selbst in der entbehrungsreichen Zeit um 1945 schnitt die Künstlerin den Silhouettenfilm „die goldende Gans“. 1949 siedelte sie mit ihrem Mann endgültig nach London über. Hier schuf Lotte Reiniger im Auftrag verschiedener Filmproduktionsfirmen Silhouettenfilme zu den Märchen der Brüder Grimm, von Hans Christian Andersen und zu Tausendundeine Nacht. Auch arbeitete die Künstlerin für das Theater und als Illustratorin der Artus-Sage. 1955 wurde ihr Film das tapfere Schneiderlein auf der Biennale in Venedig ausgezeichnet. 1972 erhielt Lotte Reiniger das Filmband in Gold, 1980 das Große Bundesverdienstkreuz.

1979 siedelte sie nach Dettenhausen in Baden Württemberg um, wo sie 1981 starb. Seit 2014 hat sie einen Stern auf dem Boulevard der Stars in Berlin und eine Gedenktafel an ihrem Geburtshaus in der Knesebeckstraße 11 in Berlin-Charlottenburg.

Insgesamt schuf die Künstlerin 40 Silhouetten-Filme. Ihre Werke befinden sich im Tübinger Stadtmuseum und im Filmmuseum Düsseldorf.

Im Filmuseum Düsseldorf findet 14.05.2016-08.01.2017 die Sonderausstellung „Animation und Avantgarde – Lotte Reiniger und der absolute Filmstatt. 

Lotte Reiniger auf youtube

2 Gedanken zu „Berlin-Women: Lotte Reiniger (02.06.1899-19.06.1981)

  1. Das Filmmuseum Düsseldorf zeigt gerade eine tolle Sonderausstellung zu Lotte Reiniger:
    „Animation und Avantgarde: Lotte Reiniger und der absolute Film.“

    Zu sehen sind die Originalfiguren aus dem Film DIE ABENTEUER DES PRINZEN ACHMED, dazu Dokumente, Fotos und Entwürfe aus dem Nachlass Lotte Reinigers. Formale Bildvergleiche mit effektvoll hinterleuchteten Szenenfotos des ACHMED-Films mit Werken des Expressionismus und der Avantgarde zeigen verblüffende Berührungspunkte. Auf Großleinwänden sind Filmausschnitte zu allen Themen der Ausstellung zu sehen, an einem eigens entwickelten interaktiven Tricktisch können die Besucher selbst Silhouettenfiguren animieren.

    Weitere Infos gibt es unter: http://www.duesseldorf.de/filmmuseum/aktuelles/index.shtml

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