superurbanvillage, 10 Kunstprojekte im öffentlichen Raum zum Thema Flucht und Identität, Kunstverein Tiergarten, bis 19.06.2016. Mit Bildstrecke

Ausstellung

Plattform von Beate Maria Wörz
Plattform von Beate Maria Wörz © Berlin-Woman

Berlin-Moabit wurde durch das Lageso international bekannt. Die hiesige zentrale Registrierungsstelle für alle Flüchtlinge in Berlin sorgte für die Dramatisierung der Flüchtlingskrise in Deutschland. Dabei hat Moabit eine lange Flüchtlingstradition. Im 18. Jahrhundert siedelte König Friedrich Wilhelm I. französische Glaubensverfolgte an, die viel zum wirtschaftlichen Aufbau Berlins beitrugen. Bis heute hat Moabit eine hohe Dichte an Flüchtlingen und Migrant*innen. Das ist Thema von superurbanvillage, die der Kunstverein Tiergarten zum Moabiter Kunstfestival „Ortstermin“ eröffnete. Bis zum 19.06. ist die Urban Art von 10 Künstler*innen rund um die Turmstraße zu sehen. Wir waren vor Ort, mit Bildstrecke:

Bildstrecke: Vroni zu viert. Antonia Nordmann und ein syrischer Künstler von Vroni zu viert im Gespräch. Beate Maria Wörz erläutert ihre Installation „plattform“. Plattform. Open Call – tell me your story von der Gruppe v.o.l.a. Ila Wingen von v.o.l.a. erläutert ihre Soundinstallation. Urte Beyer Stadt ohne Grenzen, die zerronnene Stadt.  Matthias Beckmann, Schöne Grüße aus Berlin, Postkarten.  Künstlerischer Leiter und Direktor der Galerie Nord | Kunstverein Tiergarten: Dr. Ralf F. Hartmann. Fotos: © Berlin-Woman

Die teilnehmenden Künstler*innen von superurbanvillage zeigen Werke in der gesamten Bandbreite des Flüchtlingsthemas. Matthias Beckmann, Urte Beyer, Albert Coers, Fernando Niño-Sánchez & Margarit Lehmann, Antonia Nordmann, Silke Panknin, Ariane Pauls, Pfelder, v.o.l.a. Berlin und Beate Maria Wörz laden zur Reflexion ein. Und das zusammen mit den Flüchtlingen, denen wir als „Model“, Kreative und Künstler*innen und Publikum ganz direkt begegnen.

Im Innenhof der Galerie Nord in der Turmstraße hören wir aus drei in den Bäumen gehängten Klangkanistern Laute, Gesang und Rappsound auf arabisch und deutsch. Fernando Niño-Sánchez & Margarit Lehmann haben mit Flüchtlingen in der ASB-Nothilfe in der Notunterkunft im ehem. Rathaus Wilmersdorf Texte und Lieder erschlossen und eingespielt. Die Soundinstallation „Eingeschriebene Texte als Utopie“ berührt alte und neue Identitäten, die sich in unseren Ohren zu einer vielstimmigen Symphonie verbinden.

Hier entdecken wir auch die Postkarten von Matthias Beckmann „Schöne Grüße aus Berlin“ mit Zeichnungen aus einer Berliner Notunterkunft für Flüchtlinge in Kreuzberg. Im filigranen Beckmannstrich sind der Deutschunterricht, die Aufladestation für Mobilfunkgräte und die Kleiderkammer dokumentiert. Unprätentiös fangen sie die Stimmung einer NUK ein, und wer eine solche noch nicht von innen gesehen hat, sollte Beckmanns Ansichtskarten anschauen und auch versenden.

Auf dem Dach der Bio Company an der Turmstraße zeigt Urte Beyer Aleppo, bzw. das Bild eines Stadtentwicklungsprojekts des Büros „Uberbau/GIZ“ für die nun völlig kriegszerstörte syrische Weltkulturerbestadt von 2010. Vor sechs Jahren war man vom Wachstum der City überzeugt, jetzt verschwimmen auf dem Banner die grünen Felder der einzelnen Bebauungsphasen der „Urban Vision of the Year 2025“ im Regen. Welches neue Stadtbild wird es für Aleppo einmal werden?

In einer englischen Telefonzelle vor dem Rathaus hören wir Sätze, Kommentare und Geschichten von Geflüchteten, sowohl in ihrer Muttersprache als auch in ihrer mühsamen Übersetzung. In der Soundinstallation OPEN CALL – tell me your story geht es um die Binnensicht der Betroffenen. Es sind Montagen von Interviews, die die Künstlergruppe v.o.l.a. Berlin mit Ila Wingen und Volker Sieben in Berliner Flüchtlingsunterkünften mit Menschen verschiedener Herkunft und Generationen geführt haben. Ila Wingen ist vor Ort und weiht uns in die Details ein.

An der Kreuzung Stromstraße/Ecke Alt-Moabit nehmen wir Platz auf der zweiteiligen Holz-Plattform von Beate Maria Wörz. Die Ebenen sind leicht schief und ähneln einem Floß, das durch einen hohen Wellengang gleitet. Es bezieht sich auf die Flüchtlinge, die den gefährlichen Weg übers Meer nach Europa wählen und ist zugleich Metapher für das Boot, in dem wir alle sitzen. Tatsächlich sind wir auf der Plattform mit ein paar Flüchtlingen, Besucher*innen und der Künstlerin. Eine neue Situation für alle.

Im kleinen Tiergarten flattert zwischen zwei Bäumen ein riesiges, bunt bemaltes Tuch mit Spuren, Zeichen und abgeriebener Erde. Das Bild hat Antonia Nordmann mit den syrischen Flüchtlingen Duaa Saloum, Saleh Alnaji und Hussein Nayef erstellt. In verschiedenen Aktionen der Künstlergruppe „Vroni zu Viert“ wurde das Tuch zum gemeinsamen Medium und als Segel, Gewand und Körperskulptur eingesetzt. Die Künstlerin und einer der drei syrischen Kreativen zeigen uns ihr Portfolio.

superurbanvillage hebt Facetten der Flüchtlingsthematik hervor, die der Medienpopulismus normalerweise überrennt. In der Kunstausstellung erleben wir die Flüchtlinge als Kreative, hören ihre Ängste und Anliegen, sehen ihren Alltagskampf, erkennen ihre Verluste, erleben sie als Teil der Gesellschaft, unserer Gesellschaft.

superurbanvillage, 10 installative Kunstprojekte im Raum Moabits zum Thema Flucht und Identität, Kunstverein Tiergarten, bis 19.06.2016

 

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