#Guckstu Nr. 14: Michelangelo Buonarotti, David, 1504

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Michelangelo Buonarotti, David 1504, Detailansicht. Foto: Jörg Bittner Unna - Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38304755
Michelangelo Buonarotti, David 1504, Detailansicht. Foto: Jörg Bittner Unna – Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38304755

Hier ist unsere Kolumne , geschrieben von der Rächerin der Kunst und einzig wahren Kunsthistorikerin, Dr. Carola Muysers. Sie ist die Erfinderin von #Guckstu, den satirischen Minivorlesungen zu je einem Meisterwerk der Kunstgeschichte. Für ein freies Lernen. Wir meinen, dass man über Kunst am besten kapieren kann, wo´s lang geht. Und das mit Humor,freiwillig und das ganze Leben. Heute ist Nr. 14 dran: Michelangelo Buonarotti, David, 1504. #Guckstu, übernehmen Sie!

Michelangelo Buonarotti, David, Kolossalskulptur, Marmor, 1504, 3 Standorte in Florenz

Florenz: Ich mit meiner Wespa am Palazzo Vecchio vorbei. Da, ich glaub´s nicht, ein nackter Männerpopo. Ich auf die Bremse, Helm runter: – Ey was bist du denn für einer? – Ich bin nicht einer, ich bin 3! – Hä, und wie heisst du? – Ich bin der David von Michelangelo! – Wo liegt denn das? – Nicht aus sondern von!

Naja, wer sich so splitterfasernackt im Stadtbild aufbaut, muss ganz schön eingebildet sein. Gut sieht er, wie heißt er doch gleich: David. Hübscher Knackarsch, lange elegante Beine, eine breite, aber nicht zu breite Brust, kraftvolle Lenden und hmhmhm, sag ich jetzt nicht, was ich noch sehe. Müsster selbst gucken. N´bißchen groß geraten ist der David: so 5,17 m. Und ich hab ganz vergessen zu fragen, wieviel er wiegt, schätze so 6 Tonnen. Viel anfangen kann man(n) mit dem nicht. Der passt nirgendwo rein. Was hat er noch gesagt, er kommt von Michelangelo, und es gebe ihn 3 Mal, pöh …

Wir verlassen diese kleine Szene, die der David von Michelangelo womöglich öfter erlebt. Und das seit 1504, nachdem ihn der berühmte Bildhauer Michelangelo Buonarroti (1475-1564) im Auftrag der angesehenen florentinischen Wollweberzunft: Arte Della Lana aus einem Marmorblock hieb. Carrara versteht sich! Warum die Wollweber einen Nackedei bestellten? Geld genug besaß die Zunft, und bevor sie Michelangelo, den berühmtesten Bildhauer, Maler, Architekt und Dichter engagierte, hatte sie schon zwei Künstler verschlissen. Womöglich gab es Streit um den zertifizierten Baumwollslip von David.

Michelangelo studierte an der Kunstakademie des Lorenzo de Medici, was gleichbedeutend ist mit einer Universität der Künste (UdK) von Michael Müller, dem Oberbürgermeister Berlins. Ein Mitschüler haute dem Michelangelo eins rein und entstellte dessen Gesicht. Da wusste der Begabte, was Neider sind, und wie man umringt von ihnen Karriere macht. Er wartete, bis die Mächtigen ihn riefen. Dann willigte er in einen Betrug ein, gab eine Skulptur als antik aus und verkaufte sie teuer. Dafür wanderte er nicht in den Knast, sondern 1496 nach Rom zu besagtem betrogenen Käufer, der ihn doch tatsächlich weiter für sich arbeiten ließ.

Michelangelo landete beim Kardinal Jean Bilhères de Lagraulas und meißelte für ihn die ergreifende Pietà in St. Peter. Maria, die ihren berühmten toten Sohn Jesus auf dem Schoß wiegt (1498–1499). So was Trauriges in Marmor zu hauen, das muss man erst mal hinkriegen. Ja, so etwas konnte Michelangelo, genauso wie die Darstellung von Suff durch den Bacchus (1497). Der steinerne Besoffene scheint zu schwanken und stützt sich auf einen ebenfalls besoffenen Cupido. Oder unseren David, der laut Bibel: 1 Sam 17 EU, den Philister-Riesen Goliath besiegte. Mit einer Steinschleuder, die er  sich über die Schulter geworfen hat, um sie im nächsten Moment zu spannen und den Gegner tödlich am Kopf zu treffen. All das erzählt diese Skulptur und ist in ihrer Mischung aus Lässigkeit und Kampfbereitschaft unbeschreiblich sexy! David hat übrigens nicht gelogen, sein Original steht in der Galleria der Accademia del Arte und eine weitere Bronzekopie auf der Piazzale Michelangelo.

Ich muss noch ein bisschen für Michelangelo schwärmen. Der Künstler jagte von einem Großprojekt zum nächsten: Das Grabmahl von Papst Julius II. (1505), das nie fertig wurde, aber mit einer phantastischen gehörnten Mosesfigur aufwartet. Die grandiose Deckenmalerei in der Sixtinischen Kapelle von 1511 mit der Schöpfungsgeschichte (Stichworte: Adam, Gott und der nackte Popo) und den tollen, tollen Propheten und Sibyllen, die schon damals wussten, was noch alles auf uns zukommt. Das jüngste Gericht über dem Altar ebendort (1534–1541), ein Leckerbissen für alle Fans von Horrorfilmen. Den Verdammten auf dem riesengroßen Fresko bleibt nichts erspart: Sie werden gehäutet, gefressen, verbrannt, gefoltert und ertränkt. Da hatte es Michelangelo aber schon am Rücken und bastelte nur noch ein wenig am Petersdom herum. Bevor es mit ihm zuende ging.

Dabei war Michelangelos Spezialität, nix zuende zu bringen. Insofern war er ein ganz moderner Mann. Mit seiner Kunst wollte er, wie er sagte „den sinnlos herumirrenden Menschen erschrecken und aufwecken“.

Und das wollen wir von #Guckstu auch!

#Guckstu Nr. 13: Heinrich Zille, Lohntag 1915

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