Music with Berlin-WoMan: A Cabaret Story, Sally Bowles Cafe, 12., 26.05.2016

Music with Berlin-WoMan

Cabaret-Facebook-Cover2-logoKabarett, das ist ein drehbarer Teller mit kleinen Fächern und Schüsselchen. Und es ist eine großartige Kleinkunst aus verschiedenen Musik- und Sprechstücken zusammengewürfelt. Die Themen sind unserem Alltag und unmittelbaren Leben entnommen: Saufen, Huren, Kunst, Politik … Das ganze auch anders herum und das seit über 140 Jahren. Das Kabarett hat eine sehr bewegte und stellenweise tragische Geschichte. Sie ist Thema der Show „A Cabaret Story“, die wir bis Sommer alle zwei Wochen und bezeichnenderweise in der Berliner Bar Sally Bowles erleben dürfen. Berlin-Woman war dort. Hier unsere Eindrücke mit einer Bildstrecke von James Rea.

Bildstrecke: ©jamesrea.de

Ein winziger Theaterraum, die Bühne misst ein paar qm, passend dazu der Zuschauerraum mit max. 25 Plätzen im Café Sally Bowles in der Eisenacher Straße. Dennoch oder gerade deshalb findet hier eine musikalische und performative Explosion statt. Verursacher.innen  sind Maurice Ord (Gesang, Schauspiel), Anne Wagret (Gesang, Schauspiel) und Mirjam Beierle (Piano). Sie nehmen uns mit auf die Jagd nach der Geschichte des Kabaretts von seiner Erfindung Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Nachkriegszeit nach 1945. Die Pirsch führt uns nach Paris, München und Berlin, im Gepäck sind Chansons, Balladen, Performances und die unterschiedlichsten Kostümauftritte. Voll Tempo schlüpfen Maurice und Anne in die Rollen der Mütter und Väter, der Söhne und Töchter des Kabaretts:

Da kommt Aristid Bruyant, der in den 1880er Jahren im legendären Club Le Chat Noir auf dem Montmarte systematisch das Publikum beschimpfte. Sein Markenzeichen, u.a. festgehalten auf Plakaten von Henri Toulouse-Lautrec: roter Schal, schwarzer Hut und Umhang und kniehohe schwarze Stiefel. Viele andere Künstler ließen sich hier bespaßen und führten ihrerseits Stücke über das Leben auf der Straße und in der Metropole vor. Das Kabarett war geboren. Ein Kunstort, wo Reiche und Arme, Bürgerliche und Kriminelle, feine Damen und Prostituierte aufeinandertrafen.

Kaiser Wilhelm II. betritt die Bühne und servierte um 1900 die moderne Kunst und auch das Kabarett als „Rinnsteinkunst“ ab. Erst recht ging man daraufhin zur Berliner Sezessionsbühne ins „Überbrettl“, Alexanderstraße 4. Die Kabarettregeln für das Publikum: möglichst laut, tollpatischig und verspätet die Plätze besetzen und vorzeitig laut schimpfend wieder verlassen.

Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs durfte keine politische Kritik über die Lippen der Kabarettisten kommen, zumindest nicht laut. Mit Aufhebung der Zensur tauchten die Kabarettistinnen auf. Die freche und tolle Claire Waldoff, die die Männer aus dem Reichstag wirft und alle Plätze mit Frauen besetzt. Marlene Dietrich, die fesche Lola, der Saisonliebling im „blauen Engel“ nach dem berühmten Stummfilm und dem Song des unvergesslichen Friedrich Holländer. Er schrieb viele Chansons und Schlager für die Berliner Kabaretts.

Auch angesehene Literaten und Theaterleute wie Kurt Tucholsky, Kurt Weill und Bertolt Brecht brachten mit ihren Texten politischen Sprengstoff in die Berliner, Münchner und Wiener Kabarettszene. In der Weimarer Republik, den Golden Twenties wurde das Kabarett zur Plattform von Revoluzzern, Avantgardisten, gesellschaftlichen Außenseitern, Proletariern und Last but not Least von Queer-Persönlichkeiten. Hier tobte, kotzte, wütete, lebte und liebte man(n) sich aus. Herrlich dargestellt im queeren Rollenspiel von Anne als Max Rheinhardt mit Schnäuzer und von Maurice als tuntigem Christopher Isherwood mit Strapsen, dem Autor der Berlin Stories, der Vorlage des Musicals „Cabaret“.

Es naht der Nazi, der alle Kunstinstitutionen gleichschaltete, die jüdisch stämmigen und gläubigen Künstler.innen und anders Denkende verfolgte. Das Kabarett wurde entwurzelt, seine Akteur.innen in die Flucht geschlagen, in Haft genommen, in KZs deportiert und ermordet. Restlos vernichtet wurde das Kabarett jedoch nicht. „In den Ruinen von Berlin“, komponierte Friedrich Holländer … erklingen neue und einst verbotene Kabarettstücke, die bis heute die Gemüter erwärmen, erhitzten und – wie jüngst erlebt – auch schon mal eine Staatsaffäre verursachen. Das Trio der „Cabaret Story“ trägt auf Englisch vor, ein paar Eigenkompositionen sind dabei.

Eine wahrhaftig gute Unterhaltung!

A Cabaret Story, Berlin´s Live Historical Revue, Sally Bowles Cafe, Eisenacher Str. 2, 10777 Berlin, nächste Vorführungen: 12., 26.05.2016

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