#Guckstu Nr. 13: Heinrich Zille, Lohntag, 1915

#Guckstu

Heinrich Zille, Lohntag, 1915. Bildquelle: kultur-online.net
Heinrich Zille, Lohntag, 1915. Bildquelle: kultur-online.net

Hier ist unsere Kolumne , geschrieben von der Rächerin der Kunst und einzig wahren Kunsthistorikerin, Dr. Carola Muysers. Sie ist die Erfinderin von #Guckstu, den satirischen Minivorlesungen zu je einem Meisterwerk der Kunstgeschichte. Für ein freies Lernen. Wir meinen, dass man über Kunst am besten kapieren kann, wo´s lang geht. Und das mit Humor,freiwillig und ein Leben lang. Heute ist Nr. 13 dran: Heinrich Zille, Lohntag, 1915. #Guckstu, übernehmen Sie!

Guten Tag und danke, das hat die Redaktion von Berlin-WoMan mal schön gesagt! Wurde auch Zeit, denn ich bin hier eine unersetzliche Kraft. Ich möchte sogar behaupten, ich halte den Laden hoch. So wie die, über die wir heute sprechen wollen. Und zwar mit:

Heinrich Zille, Lohntag. Die Frauen erwarten die Männer, Kreide/Papier, 1915

– Det dauert aba heute! – Ick hab menen Herrschaften jesacht, ick bin gleich wieder da. – Letztes Ma war ick zu spät, da warer schon wech. – Anton, nun schrei nüscht so, Papa kommtja gleich.

Sechs Damen der allerbesten Jesellschaft, mit Kindern uffm Am, die Schürze ummen kugelrunden Bauch jebunden, stehn am Brettazaun am Gendarmenmarkt. Während die fast alle en 2. Braten inne Röhre haben, wird die neue UBahn jebaut. Dahinter sehn wa wie ne Schimäre det Rote Rathaus und den französischen und deutschen Dom.

Es ist 1915, der Krieg hat begonnen und der schwedische Architekt Alfred Grenander zieht im Auftrag der Stadt und wie verrückt die Berliner UBahnhöfe hoch. Zum Nachlesen hier auf Berlin-WoMan, Alfred Grenander. Prachtvolle Hallen und Aufgänge entstehen, die uns bis heute erhalten geblieben sind. Das passt zu einer Stadt, die zu einer der größten der Welt herangewachsen ist. Ja, Berlin war schon mal fast so groß wie jetzt, 3 Mio Einwohner lebten um 1900 hier. Ohne Jobcenter, Sozialamt, Krankenkasse, MIndestlohn und WBS-Schein!

Ein Job beim UBahnbau ist für die arbeitssuchenden Proletarier, wie sie Karl Marx nennt, Gold wert. Denn es herrscht große Not, 1 Mio Menschen suchen eine Wohnung, eine Arbeit, was zu Fressen und nen Platz zum Schlafen. Ein Arbeitstag kann so seine 12 Stunden dauern, Kinder und Frauen packen mit an. Wohnen tun sie in feuchten Kellern oder unterm unisolierten Dach in den muffigen Mietskasernen. Das Scheunenviertel gleich hinterm Alex – heute das elegante Berlin-Mitte – ist das übelste. Dort lachen die Prols nur über die Mindestanforderung einer Arbeiterwohnung mit Stube und Wohnküche. Geschlafen und gearbeitet wird im Akkord, wer frech ist, klaut, lügt und betrügt, der überlebt. Drum warten die Ladies auf dem Bild von Zille auch auf ihren Angetrauten, damit der den Lohn brav abliefert und nicht versäuft, verhurt oder verspielt. Sie selbst malochen für ein paar Groschen als Dienstmädchen, Verkäuferinnen, Huren, Schankmädchen.

Chronist dieses Lebens, das die wenigsten von uns kennen, geschweige denn für eine Sekunde aushalten könnten, ist Heinrich Zille (1858-1929), Maler, Grafiker und Fotograf. Zille hat alles, was er darstellte, selbst erlebt. Vater im Knast, Familie in der Kellerwohnung, Heinrich uff Kinderarbeit. Aus Billigmagazinen lernte der Junge die Proletarier-Karikaturen von William Hogarth kennen. Er entschied sich, Künstler zu werden,   lernte Zeichnen an der Kunstakademie und Lithografieren in der renommierten Lithografieanstalt „Winckelmann & Söhne“. Das sicherte sein Auskommen bei der „Photographischen Gesellschaft Berlin“. Parallel dazu zeichnete, fotografierte und malte er, was das Zeug hält. Mit 50 schmiß ihn sein Arbeitgeber raus, nun wurde Zille freischaffender Künstler in Vollzeit. In dieser Zeit veröffentlichte er sein Buch „Kinder der Straße“, mit dem er in allen Gesellschaftsschichten bekannt wurde. 

Um die Jahrhundertwende begann Heinrich Zille, auszustellen und Zeichnungen in Zeitschriften und Magazinen, wie „Simplicissimus,die Jugend“ und „der Ulk“ zu veröffentlichen. Er unterhielt Kontakt zu den sozialkritischen Künstler.innen Käthe Kollwitz, Hans Baluschek, August Gaul, Ernst Barlach und Erich Mühsam.

1903 wurde er Mitglied in der renommierten Berliner Secession, ihr Gründer Max Liebermann verehrte ihn sehr. 1910 kriegte Zille den begehrten Menzelpreis, 1924 wurde er Mitglied der Akademie der Künste. Der Künstler hielt die verhurte, versoffene und verkommene Seite des Wilhelminischen Kaiserreichs fest, diejenige, über die man nicht sprach, und schenkte ihr eine ordentliche Prise Berliner Humor und Menschenliebe. Das war zu seiner Zeit einzigartig, und auch heute wäre so ein Zille die Ausnahme. Viele wollen nicht sehen, was los ist, sie gucken einfach weg.

Zille aber passt zu #Guckstu, und das wie die Faust aufs Auge, ne?!

Zillemuseum in Berlin

#Guckstu Nr. 12: Leonardo da Vinci, Mona Lisa 1503-6

#Guckstu auf FB

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.