Die Wölfe sind zurück? Den Opfern von Krieg, Hass und Gewalt gewidmet, Potsdam, bis 01.05.2016, mit Bildstrecke

Ausstellung

Die Wölfe sind zuück? Am Alten Markt Potsdam ©Berlin-Woman
Die Wölfe sind zuück? Am Alten Markt Potsdam ©Berlin-Woman

Ein Wolfsrudel auf dem Alten Markt in Potsdam. 63 bedrohliche Wolfsgestalten haben sich aufgestellt, zeigen ihre Klauen, reißen ihre häßlichen Mäuler auf und blecken die Zähne. Ein paar stehen in Reih und Glied und warten auf den Startschuss, ein paar springen schon los. Vereinzelte Wolfsgestalten auf zwei Beinen und in Mannshöhe richten ihre Pistolen auf uns und ganz hinten in der Ecke erhebt der goldene Anführer die rechte Pfote zum Hitlergruß. Die Wölfe sind wieder da!

Bildstrecke: ©Berlin-Woman

Der Künstler Rainer Opalka widmet die politische Skulpturengruppe den Opfern von Krieg, Hass und Gewalt. Seine martialischen Figuren verkörpern Typen, die wir alle schon mal gesehen haben: da ist der angeleinte Blind Soldier mit der Augenbinde und den spitzen Vorderzähnen, der Blinde Hasser bereit zur Hatz, der Angreifer „Attac“ im Sprung mit ausgestreckten Klauen, der Mitläufer mit aggressiv-feiger Visage, der Kraftprotz, die aufgerichtete Bestie NSU Mann und der scharf bellende Anführer mit Hitlergruß.

Nein, das ist kein Monument für Frieden und Versöhnung. Bewusst hat Opalka die Ästhetik der Gegner gewählt. Die Figuren sehen aus wie aus einem Computer-Ballerspiel oder einem faschistischen Comic. Es hat auch nichts mit dem edlen Alleinkämpfer, der Wolfskreatur zu tun. Es zeigt, wie Opalka in einem Interview mit der Märkischen Allgemeinen erläutert: Wolfsmenschen, Bestien und Monster, die der Hass im menschlichen Innern hervorrufen kann, bei jedem von uns.

Rund um die Installation stehen Aufklärungstafeln zu Pegida, zur AfD, zu Flüchtlingen und zum Thema Hass. Sie kreisen das Wolfsrudel ein. Der einzige Schutz davor, dass sie lospreschen und unsere demokratischen Lebensformen niedertrampeln und zerfetzen? Die Figuren selbst sind eine massive Warnung vor der rechten Bedrohung, eine Hallowach-Botschaft an alle, die es noch nicht mitbekommen haben: Die Wölfe sind wieder da. Nicht zuletzt mit 10 AfD Abgeordneten im Brandenburgischen Landtag, den 10 Wolfsfiguren symbolisch im Visier haben.

In der Infobroschüre, die man kostenlos mitnehmen kann, gibt es Hintergrundinfos und weitere Aufklärungstexte. Wir erfahren, wie sich die populistische Hasspropaganda der rechten Gruppierungen: NSU, AfD und Pegida an der Flüchtlingsthematik entzündet hat und gegen die demokratischen Parteien und die Gesellschaft in Deutschland sowie gegen die EU eingesetzt wird. Wie Hass Gewalt schürt und in die 20.000 rechtsmotivierten und 1.000 rechtsradikalen kriminellen Handlungen allein im vergangenen Jahr münden konnte.

Die gesellschaftlichen Umwälzungen, die Kommerzialisierung bei gleichzeitiger Entwertung von Kapital, Weltkrisen und Terrorismus sorgen für Angst, Ohnmachtsgefühle, Zorn und Wut auf die Politik. Im Netz, das die Rechten viel schneller als andere politische Gruppierungen als breitenwirksames Medium für sich entdeckt haben, stehen ihre Parolen. U.a. hier, und vor allem in den Sozialen Medien, werden Mitstreiter.innen akquiriert und zu Wolfsmenschen deformiert. Die Hassparolen sollen vereinen, in Wahrheit isolieren sie, grenzen ab und aus, machen zynisch und bösartig, auch gegen sich selbst.

Unbedingt zu lesen auch der ungefilterte Bericht von Raphaele Lindemann, der als Arzt in einem Erstaufnahmelager in Deutschland tätig ist. Er berichtigt das Bild der Flüchtlinge, das – übrigens nicht nur – in der rechten Szene verbreitet wird. Sie kommen nicht als weltfremde Schmarotzer und es sind nicht zu 90 % junge kräftige Männer sondern zu 40 % Kinder. Sie sind entkräftet, krank und fertig. Ja und einige haben ihr Smartphone mit dabei, die einzige Kontaktmöglichkeit zu den Familienangehörigen, die in den von Krisen und Kriegen gebeutelten Ländern bleiben mussten. Zurecht fragt Raphaele Lindemann, ob wirklich schon mal jemand durch den Zuzug der Flüchtlinge verarmt, ob jemand schon mal aus seiner Wohnung herausgeflogen ist? Er weist auf den Zuzug der Asiaten in den 1960er Jahren hin, deren Kinder heute deutsche Politiker, Richter, Anwälte, Pfleger, Ingenieure, Professoren und Ärzte sind, eine erfolgreiche Integrationsgeschichte, die sich heute wiederholen könnte. Es müssen wieder Bedingungen geschaffen werden, unter denen niemand mehr hassen muss. Was können wir dazu beisteuern?

Die Installation „die Wölfe sind zurück?“ ist bis zum 01.05.2016 auf dem Alten Markt in Potsdam zu sehen. Sie ist als Wanderausstellung konzipiert, weitere Stationen sind in Planung.

Die Wölfe sind zurück? auf Facebook

Die Wölfe sind zurück? Den Opfern von Krieg, Hass und Gewalt gewidmet. ZB Zweibrüder. Kunst & Kultur GmbH.

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