the making of Bundesrepublik Deutschland: Ku´damm 56, jetzt in der ZDFmediathek

Berlin-Ku´damm 56

Bildquelle: zdf.de
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Ku’damm 56! Der Dreiteiler nach der Idee und dem Drehbuch von Annette Hess und unter der Regie von Sven Bohse wurde gerade im ZDF wiederholt. Er beschäftigt uns. Denn in schönen wie aufschlussreichen Bildern erzählt er von der Mode, dem Design, dem Lifestyle und den Rollenklischees im Berliner Wirtschaftswunder der 1950er Jahre. Schauplatz: die Tanzschule „Galant“ am Ku´damm Nr. 56. Es brodelt: in Berlin und im Frauenclan von Catherina Schöllack und ihren 3 Töchtern Monika, Helga und Eva.

Caterina Schöllack (Claudia Michelsen) ist perfekt im Dior-Stil gestylt: Schneiderkostüm, Seidenbluse, streng onduliertes Haar. Das muss so sein, denn sie leitet die Tanzschule „Galant“, ein Familienunternehmen, das seit 1906 in den Händen der Schöllacks ist, oder? Hier lernen die Youngsters des Adenauer-Deutschlands Standardtänze und Benimmregeln. Caterina managt „Galant“ allein, ihr Mann Gerd (Robert Schupp) hat im Zweiten Weltkrieg gekämpft und gilt seit 1944 vermisst. Nur der gegelte Familienfreund Fritz Assmann (Uwe Ochsenknecht) unterstützt die strenge Tanzschulchefin. So, und jetzt geht es darum, die Töchter unter die Haube zu bringen!

Es ist Wirtschaftswunder, Deutschland hat nach den dunklen Jahren des Faschismus und des Wiederaufbaus der Demokratie seine Souveränität zurückerlangt. West-Berlin wird vom Bund finanziert, Ost-Berlin ist Hauptstadt der neu gegründeten DDR, noch steht keine Mauer. Im Westen wird wie verrückt gebaut, 1957 ist die Interbau, zu der zahlreiche internationale Architekten im Hansaviertel und rund um den Kudamm einen modernen städtebaulichen Beitrag leisten. Im Filmverlauf werden wir Zeuge der Bauaktivitäten, sehen die Kräne der neuen Kaiser-Wilhelm Gedächtniskirche und des Bikinihauses.

Helga (Maria Ehrich), Eva (Emilia Schüle) und Monika (Sonja Gerhardt) lieben ihr Mutti, und die beiden älteren Töchter setzen alles daran, eine „gute Partie“ zu werden. Helga hat sich in den gutaussehenden und erfolgreichen Juristen Wolfgang von Boost (August Wittgenstein) verliebt und heiratet ihn. Der Nierentisch, der Gummibaum und die Einbauküche in einem Westberliner Neubauviertel werden die Kulisse ihrer hausfraulichen Künste. Sie will es ihrem Wolfgang genauso recht machen, wie ihrer Mama. Die Partie der Krankenschwester Eva mit ihrem Chef Prof. Dr. Fassbender (Heino Ferch) ist auch schon eingetütet. Und Monika? Das „schwarze Schaf“ der Familie ist aus ihrer Hauswirtschaftslehre rausgeflogen, und nun zwingt ihr Mutter Schöllack den mißratenen Fabrikantensohn Joachim Frank (Sabin Tambrea) auf. Der hält sich für James Dean und hat nichts besseres zu tun, als Monika betrunken zu vergewaltigen.

Dass ihre Tochter traumatisiert ist, interessiert Caterina nicht. Wir erfahren im Filmverlauf, welche schrecklichen Lügen sie selbst zu verbergen hat. Monika bricht auf, um sich von ihrem Trauma und der Enge ihrer Umgebung zu befreien. Sie wird Rock´n Rollerin, bietet gegen den Willen der Mutter und sehr erfolgreich Kurse in der Tanzschule an, wird schwanger und treibt ab. Sie ist der Filmcharakter, der aneckt, rebelliert und die Klischees aufbricht, an die sich Mutter und Schwestern verzweifelt klammern. „Eine Frau hat keine eigenen Bedürfnisse“ predigt Caterina. Und so wird sich Helga damit abfinden, dass ihr Wolfgang schwul ist und Eva ihren Herrn Professor heiraten, obwohl sie einen anderen liebt.

Was macht den Dreiteiler so interessant? Er ist aus der Sicht der 4 Frauen erzählt. Wertfrei wird gezeigt, wie sie mit dem Rollenangebot ihrer Zeit umgehen, welche Gründe sie zu ihrer Wahl treiben, welches Schicksal ihnen bevorsteht. Ebenso unvoreingenommen erfahren wir so einiges aus der Zeitgeschichte. Das Nazideutschland, die Judenverfolgung und der Krieg sind mal gerade eine Dekade her und haben ihre Spuren hinterlassen. Auch die Familiengeschichte der Schöllacks und ihrer Tanzschule „Galant“ ist davon gezeichnet. Das gilt ebenso für die unterschiedlichen politischen Entwicklungen der geteilten Stadt, unter denen sich das Familiendrama der Schöllacks dann voll entfaltet.

Das Schlussbild: Monika verlässt ihre Mutter und tanzt, den Koffer in der Hand, den Ku´damm entlang. Die Freiheit siegt! Der Dreiteiler wird vom ZDF gesendet. Bei der Erstausstrahlung am 20.-23.03.2016 gab es pro Film rund 6 Mio Zuschauer.innen, 20 % waren 14-49 Jahre alt, 80 % 50+.

Für alle, die ihn verpasst haben: Ku´damm 56 in der ZDFmediathek

Trailer

Ein Gedanke zu „the making of Bundesrepublik Deutschland: Ku´damm 56, jetzt in der ZDFmediathek

  1. Ja, das war mal ein televisionäres Highlight. Vorab habe ich einiges über die Entstehungsgeschichte gelesen, das war auch spannend, wie so ein Dreiteiler zustande kommt, welche Kompromisse eingegangen werden müssen usw.. Dennoch ist es gelungen und ich habe es gerne gesehen. Frau kann auch gut beobachten, welche Schritte Richtung Emanzipation es seitdem gegeben hat.

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