#Guckstu Nr. 11: Rahel Ruysch, Blumenstillleben, um 1700

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Rahel Ruysch, Stillleben, um 1700. Bildquelle: en.wikipedia.org
Rahel Ruysch, Blumenstillleben, Öl/Lw, 75 x 58 cm, o.J. Hallwylska museet Stockholm, um 1700. Bildquelle: en.wikipedia.org

Natürlich hat unser Berlin-Magazin für Kunst, Kultur, Medien und Politik eine Kolumne! Hier schreibt die Rächerin der Kunst und einzig wahre Kunsthistorikerin, Dr. Carola Muysers. Ihr unbändiges Wissen lässt sie in #Guckstu aus – die satirischen Minivorlesungen zu je einem Meisterwerk der Kunstgeschichte. Denn wir haben keine Tomaten auf den Augen, nehmen kein Blatt vor den Mund und unsere Stöpsel aus den Ohren raus. Welcome zu Nr. 11: Rahel Ruysch, Stillleben, um 1700. #Guckstu, übernehmen Sie!

 Hallihallo, es grünt und blüht überall, denn es ist Frühling. Schon gemerkt? Das tut es auch in der Kunst, und zwar heute mit:

Rahel Ruysch, Blumenstillleben, Öl/Lw, 75 x 58 cm, o.J. Hallwylska museet Stockholm

Gruppenchat auf Facebook: Nelke (aufgeregt): Habt ihr das Bild von unserer Party gesehen, das die Rachel auf ihrem Profil gepostet hat? Wir sind alle drauf. Mich hat sie nicht gefragt, euch? Tulpe (gespannt): Nein mich auch nicht. Ich guck schnell mal. Amarillys (verpennt): Hä, wie komme ich in diese Gruppe? Studentenblume (erfreut): Also ich finde mich cool da so in Gelb und mittendrin umringt von euch. Tulpe (entsetzt): Kreisch, das geht gar nicht. Die hat mich erwischt, da war die Party voll im Gang. Ich bin schon im rotweißen Négligé und hänge in den Seilen. Man sieht alle meine Falten. Nelke: #Guck erst mal mal mich an. Ich liege total fertig am Boden, auch rotweiß. War ich so breit? Und dann wir beide im Partnerlook, wie peinlich. Tulpe: Dagegen müssen wir was unternehmen, ich sag der Rahel, dass sie das Bild sofort löschen soll.

Zu spät, denn alle inklusive der Urheberin des Bildes haben die FB-AGBs nicht richtig gelesen. Zwar kann man das Bild vom eigenen Profil löschen, die Bilddaten selbst aber wandern zu Auswertung und Datenklau, pardon Datenauswertung ins FB-Archiv.

Darüber konnte die berühmte holländische Stillebenmalerin (mit 3 l) Rahel Ruysch (1664-1750), Urheberin des betreffenden Blumen-Gruppenbildes, gen. Blumen-Stillleben (mit 3 l), nur lachen. Sie hatte ganz andere geschäftliche Vereinbarungen an den Hacken. Ihr größter Mäzen, Wilhelm von der Pfalz bestand auf Exklusivrechte, d.h. mindestens 50 % der Jahresproduktion ihrer wundervollen Bouquetbilder wanderten in die Schatulle seines Hofes. Das war kein Bauernhof mitten in der Pampa, sondern der kurfürstliche Pfälzische Hof in Düsseldorf. Da gab es viel Platz für Rahels Gemälde. Außerdem fand Wilhelm heraus, dass Rahels Stillleben (mit 3 l) tolle Geschenke waren, z.B. für Cosimo de Medici in Florenz. Ruckizucki waren wieder 2 Stück weg.

Egal, unsere Rahel war ein echt toughes Girl. Sie lernte Botanik und Malerei bei ihrem Vater Frederik Ruysch, einem Professor für Anatomie und Botanik in Amsterdam. Schon mit 15 Jahren ging Rahel Ruysch in die Lehre beim Blumenmaler Willem van Aelst. 4 Jahre lang, wie es sich damals für eine ordentliche Werkstattausbildung gehörte. Hier lernte sie die verschiedenen Maltechniken und den Trick, die Blumen allesamt so zu arrangieren, dass jede vollplastisch zur Geltung kam. Das Ganze war mehr als ungewöhnlich, denn normalerweise arrangierten Mädels ihres Alters Blumen in Vasen, um eine gute Partie zu ergattern. Rahel hingegen verdiente mit 18 ihr eigenes Geld, mit 30 heiratete sie den Portraitmaler Juriaen Pool, und zeugte mit ihm 10 Kinder. Die Gören zog sie allesamt selbst groß. Das ging ganz gut im Atelier zuhause, jedenfalls sind mir keine Klagen zu Ohren gekommen.

Kinder und Karriere, das ewige Thema! Rahel Ruysch hat´s hinbekommen: Sie wurde 1701 Mitglied in der Malergilde in Den Haag und 1708-1716 Hofmalerin bei Wilhelm. Ihre Bilder verkauften sich saugut. Der Preis von 750-1200 Gulden lag weit über den max 500, die z.B. Rembrandt zu Lebzeiten kriegte. Und dann hatte Rahel noch das Wahnsinnsglück, 75.000 Gulden in der staatlichen Lotterie der nördlichen Niederlande zu gewinnen. Da war sie 59 und freute sich einen Ast.

Solche hat sie neben kleinen Reptilien auch gemalt, kombiniert mit allen möglichen Blumensorten. Der dunkle Hintergrund, die minutiös ausgearbeiteten Blüten im strahlenden Licht, das ausgesuchte Farbenspiel und die kunstvoll asymmetrischen Arrangements machten ihre Stillleben (mit 3 l) zu begehrten Kunstobjekten in ganz Europa. Als Stilllebenmaler/in (mit 3, nein 4 l) musste man ja an die Flora rankommen. Auch kein Problem für Rahel Ruysch, die die riesen Botaniksammlung ihres Vaters buchstäblich vor der Haustüre hatte. Die Malerin wurde eine der berühmtesten Stilllebenkünstler (mit 3 l) ihrer Zeit. Heute sind ihre Gemälde, 250 an der Zahl, in den großen Sammlungen in ganz Europa, den USA und Australien zuhause. 1999 ging ein Stillleben (mit 3 l) für 508.000 $ über den Ladentisch. Und ihr Preis steigt und steigt. Gut gemacht, Rahel Ruysch!

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