Berlin-WoMen: Johann Wilhelm Ludwig Gleim (02.04.1719-18.02.1803), der Erfinder der sozialen Netzwerke

Berlin-WoMen

Hempel, Johann Wilhelm Ludwig Gleim, ca. 1750, Gleimhaus, Bildquelle: de.wikisource.org
Gottfried Hempel, Johann Wilhelm Ludwig Gleim, ca. 1750, Gleimhaus, Bildquelle: de.wikisource.org

Nein, von Computern, PCs, Macs und Phones wusste er nichts. Vielleicht noch nicht mal von der Elektrizität. Doch mit seinem Freundschafts-Tempel hat der Poet, Jurist und Aufklärer Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719-1803) etwas geschaffen, das für viele von uns heute sehr wichtig geworden ist: ein soziales Netzwerk. Gleim war eine Kommunikationsbombe, er korrespondierte mit über 400 Briefpartner.innen. Die Briefe stellte er zusammen mit den Portraits seiner Freunde aus. Ja, Gleim hat das Konzept der Social Media erfunden, er ist der Urvater von Facebook. Seinen Freundschaftstempel gibt es übrigens bis heute! Hier erfahrt ihr mehr:

Ludwig Gleim studierte 1739 Jura an der Universität Halle. Doch seine Leidenschaft galt der Poesie, die er im Dichterzirkel, u.a. mit Johann Peter Uz und Johann Nikolaus Götz betrieb. 1740 wurde er Hauslehrer in Potsdam und dann zum Sekretär von Prinz Wilhelm von Brandenburg-Schwedt berufen. 1744 erlebte er, wie sein Dienstherr im Zweiten Schlesischen Krieg bei der Belagerung von Prag fiel. Nach weiteren unbefriedigenden Hofdiensten ging Gleim erst mal nach Berlin, um 1747 zum Verwalter des Domstifts in Halberstadt ernannt zu werden. Damit hatte er ein gutes Auskommen, an dem er viele Künstler.innen partizipieren ließ.

Gleim gründete den Halberstädter Dichterkreis, förderte Literat.innen und wurde einer der größten bürgerlichen Mäzene der Aufklärung. Er nahm junge aufstrebende Dichter in seinem Haus auf, wo sie sich ungestört ihrer Schreibkunst widmen konnten. Gleim machte es wie die reichen Fürsten und Könige, die Stipendien und Aufträge für Künstler.innen und Literat.innen aus der Hof-Schatulle finanzierten.

Darüber hinaus war der Förderer mit über 400 Briefpartner.innen vernetzt, was wir heute mit 4.000 Facebookfreund.innen vergleichen können. Wie wir hing er, nicht am Smart- und iPhone, aber an der Schreibfeder. Erhalten haben sich 10.000 Briefe. Diese hat Gleim zusammen mit Portraits seiner Freund.innen, die er malen ließ, in seinem Haus ausgestellt. Besucher.innen konnten sich die Briefe durchlesen und die Bilder anschauen. 1805 sah sich auch der Superstar Goethe diese einzigartige Freundschaftsinstallation an.  In der Sammlung waren alle wichtigen Promis der Zeit, übrigens auch viele Frauen vertreten: Johann Joachim Winckelmann, Sophie von La Roche, Gotthold Ephraim Lessing, Klopstock, Herder, Jean Paul, Anna Louisa Karsch und Elisa von der Recke. Gemalt wurden sie von Anton Graff, der Künstlerfamilie Tischbein und Caroline Bardua. Fotos gab es ja noch nicht, die wurden erst 1826 erfunden. Heute wären die Künstler.innen die Admins von Gleim.

In der Kombination von Schrift und Bild war Gleims Freundschaftstempel einzigartig. Er sorgte für die permanente spirituelle Anwesenheit der körperlich abwesenden Freund.innen und besiegelte damit die Freundschaft als geistiges Phänomen. Auch Streitereien und Debatten gehörten dazu, die Gleim elegant moderierte. So wurde der Freundschaftstempel zum kulturell-literarischen Zentrum Deutschlands. Nach dem Tod des großen Netzwerkers blieb der Tempel so erhalten, wie Gleim ihn angelegt hatte. 1862 eröffnete man das Gleim-Haus als Literaturmuseum, das bis heute als ältestes Museum seiner Art in Deutschland existiert. Es ist ein begehbares Facebook, das ihr unbedingt mal besuchen solltet. Wer keine Zeit dazu hat, kann die zusammengetragenen Infos und Daten online recherchieren.

die Porträtsammlung

die Porträtgrafiksammlung

die Bibliothek  und die Briefhandschriften (mit Digitalisaten) über einen eigenen OPAC auf der Homepage bzw. über den GBV-GVK, Gleimhaus

ein Querschnitt durch die Sammlungen sowie die modernen Künstlernachlässe

Gleimhaus, Museum der deutschen Aufklärung, Domplatz 3, 38820 Halberstadt, 03941 68710, 3/5 €, Di-So 10:00-16:00 Uhr (Nov-April), 10:00-17:00 Uhr (Mai-Oktober)

Das Gleimhaus auf Berlin-Woman

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.