Leiko Ikemura „… und plötzlich dreht sich der Wind“, Haus am Waldsee bis 17.04.2016. Teil 2

„… und plötzlich dreht sich der Wind“

In der Ausstellung "... und plötzlich dreht sich der Wind" ©Berlin-Woman
In der Ausstellung „… und plötzlich dreht sich der Wind“ ©Berlin-Woman

Im Haus am Waldsee sind die weißen Spots ausgeschaltet. Die Bilder in Leiko Ikemuras Ausstellung „… und plötzlich dreht sich der Wind“ schimmern im warmen Raumlicht. So kann die grobe Jute, der Untergrund der großformatigen Landschaftsbilder, ihre volle Wirkung entfalten. Die Besucher.innen der schönen Villa für internationale zeitgenössische Kunst in Berlin-Zehlendorf betreten zur Zeit eine Welt zwischen den Kulturen. Hier unser Bericht mit Bildstrecke:

Bildstrecke: ©Berlin-Woman

Seen, Hügel, Baumsilhouetten, vereinzelte Lichtpunkte am Ufer – die wilden Riesenlandschaften (Before Thunder, Tokaido) von Leiko Ikemura wecken romantische Sehnsüchte. Über Steine, Felsen und Uferbefestigungen hinweg blicken wir in den Bildraum hinein. Ein Bildraum, der grenzenlos zu sein scheint und uns mit seinen sanften Farben und seinen zarten Nebelschwaden lockt. Leiko Ikemura wuchs in der Nähe der japanischen Hafenstadt Nagoya auf. Der Pazifik in vielen Blau- und Grüntönen bestimmte ihre Kindheit. Davon und von Japan, dem Land voller Traditionen und traditioneller Entfremdungen, erzählt ihre Kunst. Ohne japanisch, ohne europäisch zu sein. Leiko Ikemura hat eine eigene transitorische Welt geschaffen. Die Künstlerin ging mit 21 Jahren zum Malereistudium nach Spanien. Dann führte ihr Weg sie nach Zürich und Köln. In der Schweiz entstanden ihre ersten Gemälde, in Köln kam die Bildhauerei dazu. Die Künstlerin wurde zur Grenzgängerin der künstlerischen Medien, sie erschafft Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen, Fotos und Videos.

Die Ausstellung „… und plötzlich dreht sich der Wind“ im Haus am Waldsee ist fast minimalistisch angelegt. Wir treffen die Plastiken der Künstlerin einzeln in Räumen oder Raumnischen an. Vorsichtig umrunden wir sie, betrachten sie und stellen fest, dass sich unser Blick in den Öffnungen der gefäß- und pflanzenförmigen Mädchenfiguren verfangen hat. Wie ausgeliefert liegen die vasenartige rote Keramikfigur mit dem gerupften Mädchenköpfchen und die kleine weiße Schlafende aus Bronze am Boden – das Kleid als erschlaffter Blütenkelch gebauscht. Die Plastiken im Erdgeschoss wirken verletzt und verletzbar. Und während ihre zarte Melancholie uns einfängt, bringt uns die kleine weiße Bronzegestalt im ersten Stock fast zum Lachen. Verschmitzt scheint sie uns zu fragen: Na, was bin ich – ein Vogel, ein Mensch, ein Mädchen, eine Frau?

Das nicht Definierbare, das Wechselspiel zwischen Bekanntem und Unbekanntem, zwischen Traum und Realität, zwischen Farbe und Monochromie bestimmt die Kunst Leiko Ikemuras. Ihre Arbeiten entstanden und entstehen im Bewusstsein von weltgeschichtlichen Katastrophen, wie sie speziell Japan erlebt hat. Der 2. Weltkrieg, Hiroshima, Fukushima … haben für das Gefühl einer wachsenden Bedrohung gesorgt. Hinzu kommen die Flüchtlinge und Völkerwanderungen, deren Hinterlassenschaft der Verlust der kulturellen Identitäten ist. Leiko Ikemura kennt diese Gefühle schon lange. Souverän gibt sie in der Sprache ihrer Kunst Antworten. z.B. mit den Kohlezeichnungen von Masken und stilisierten Köpfen und Gesichtern im ersten Stock. Die Wesen, die von einem Mexikoaufenthalt geprägt sind, faszinieren durch ihre zarte surreale Kraft. Noch stärker die Amazonen auf großen Bahnen Japanpapiers. Sie entstanden in Barcelona und bewachen nun einen ganzen Raum im ersten Stockwerk.

Fernöstliche Melancholie und westliche Kunstfreude einen sich bei Leiko Ikemura zu Kunstwerken, die uns locken, abstoßen, genießen und reflektieren lassen. Furchtlos nimmt uns die Grenzgängerin mit „ … und plötzlich dreht sich der Wind“, wie es an der Wand in einem Ausstellungsraum voller Haikus der Künstlerin steht.

Leiko Ikemura, „  … und plötzlich dreht der Wind“, Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, D-14163 Berlin, Di-So 11:00 – 18:00 Uhr, 5/7 €, 19.02.-17.04.2016

Teil 1

 

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