Berlin-Women: Paula Modersohn-Becker

Paula Modersohn-Becker, Selbstportrait, 1906, Öltempera/Pappe, 62.2 × 48.2 cm, Sammlung Ludwig Roselius, Bremen. Bild: de.wikipedia.org
Paula Modersohn-Becker, Selbstportrait, Öltempera/Pappe, 62.2 × 48.2 cm, 1906, Sammlung Ludwig Roselius, Bremen. Bild: de.wikipedia.org

Berlin-Women

Sie hatte nur 14 Jahre Zeit. Paula Modersohn-Becker (08.02.1876-20.11.1907) ist neben Käthe Kollwitz DIE deutsche Malerin und Zeichnerin. Sie hinterließ 750 Bilder, 1.000 Zeichnungen und 13 Radierungen im Stil des Fauvismus und Expressionismus. Es brauchte lange, bis die Kunstgeschichte ihre avantgardistische Kraft anerkannte. Hier erfahrt ihr mehr aus ihrem spannenden und spannungsreichen Künstlerinnenleben:

Paula Modersohn-Becker wuchs in einer großen weltoffenen Familie in Dresden auf. Über ihre Kindheit weiß man wenig. Bis auf ihr Trauma, als sie gerade mal 10 Jahre alt Zeugin vom Tod ihrer Cousine beim Spielen in einer Sandgrube wurde. Ein Jahr später, 1887, zog die Familie Becker nach Bremen. Hier hatte Paula ein kleines Atelier im Elternhaus. 1892 ging die junge Frau nach England, um sich von einer Tante in Haushaltsführung und Englisch unterweisen zu lassen. Auch besuchte sie eine private Kunstschule. 1893 folgte eine Lehrerinnenausbildung in Bremen, gepaart mit privatem Malunterricht, den Paula Modersohn-Becker bei ihren Eltern ausgehandelt hatte.

1986 studierte sie an der Zeichen- und Malschule des Vereins der Berliner Künstlerinnen, dem renommiertesten Künstlerinnenverband in Deutschland. Paula fertigte Aktstudien an und kam 1897 in die Malklasse der schwedischen Künstlerin Jeanna Bauck, die ihr von Paris erzählte. Bevor Paula Modersohn-Becker 1899 selbst dorthin reiste, vertiefte sie sich in die Kunst der Renaissance und zog in die Künstlerkolonie Worpswede, ein Refugium antiakademischer Künstler. Sie nahm Unterricht bei Fritz Mackensen und begegnete der Bildhauerin Clara Westhoff, dem Ehepaar Helene und  Otto Modersohn und Heinrich Vogeler. Schnell fand die junge Malerin ihren eigenen Stil: einfach, klar liniert, farbig, fauvistisch, expressionistisch, ja avantgardistisch. Das kapierten die Worpsweder Künstler nicht, sie waren doch die deutsche Avantgarde! Die Malerin packte die Koffer, Paris rief mit der Académie Colarossi und einer Unterkunft in einem Künstlerhaus. Zusammen mit Clara Westhoff, die ebenfalls nach Paris gekommen war und bei Rodin studierte, besuchte sie die Pariser Galerien und Museen, lernte die Kunst von Cézanne und der fauvistischen Nabis kennen. 1900 kamen das Ehepaar Overbeck und Otto Modersohn zu Besuch. Otto verlor seine Frau während dieser Reise, sie verstarb in Worpswede. 3 Monate verlobten sich Otto und Paula in Worpswede. Die Malerin lernte Rainer Maria Rilke kennen.

Am 25.05.1901 heiratete Paula Modersohn-Becker den 11 Jahre älteren Partner. Der Versuch, ihre Kunst mit den Pflichten einer Ehe-, Hausfrau und Stiefmutter der Tochter Modersohns zu vereinen, ging gründlich schief. Sie arbeitete 8 Stunden täglich in ihrem Atelier auf dem Brünjes-Hof, ihre kleine Stieftochter saß oft Modell. Otto Modersohn, anerkannt und etabliert, hatte nichts dagegen, im Gegenteil unterstützte er ihre künstlerische Entfaltung. Doch gab es eheliche Probleme, Modersohn litt vermutlich unter Impotenz. Bis heute wird dies in den Quellen klein gehalten. Aber vielleicht deshalb Paulas große Sehnsucht nach Paris? 1903 studierte sie für zwei Monate die antike und altägyptische Kunst im Louvre und den japanischen Holzschnitt. Sie besuchte Rodin und kriegte unfreiwillig die Ehekräche von Clara Rilke-Westhoff und Rilke mit. 1905 hielt sie sich mit ihrer Schwester Herma Becker erneut in Paris auf, belegte Zeichenkurse und kontaktierte Künstler der Nabis, darunter Maurice Denis. Sie befasste sich mit Gauguin und wandte sich dem Stillleben zu. Dann entschied sie sich, ganz nach Paris zu gehen. Am 23.02.1906 verließ sie Worpswede und ihren Mann. In Paris studierte sie Anatomie an der Ecole des Beaux-Arts und traf ihren Mntor, den Bildhauer Bernhard Hoetger. In einer unbändigen Schaffensperiode entstanden 90 Gemälde, Aktfiguren, Stillleben und ihr revolutionäres Selbstbildnis als Akt. Dann kam die Versöhnung, Paula und Otto verbrachten den Winter über in Paris, im März kehrten sie nach Worpswede zurück. Die Künstlerin wurde schwanger, am 02.11.1907 wurde die Tochter Mathilde geboren, am 20.11. starb Paula Modersohn-Becker an einer Embolie. „Wie schade!“ sollen ihre letzten Worte gewesen sein.

Otto Modersohn sorgte dafür, dass ihre Bilder gezeigt wurden. Sammler stellten sich ein, darunter Ludwig Roselius, der das Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen initiierte. Es folgten Retrospektiven, ihre Briefe und Tagebuchaufzeichnungen wurden veröffentlicht, ein Werkkatalog erarbeitet. Die Nazis verfehmten ihre Kunst , auf der documenta 1 (1955) und der documenta III (1964) wurde sie rehabilitiert, lange Zeit hielt sich in der Kunstgeschichtsschreibung die Legende von der naiv, versponnenen Zufrühverstorbenen fest.

Doch nun gibt es keinen Zweifel mehr. Paula Modersohn-Becker ist eine Avantgardistin und eine der ganz Großen. Danke für diese wunderbare Kunst!

Carola Muysers, „… Ich kann nicht anders …“ oder „Canon paradox“: Zur biographischen und künstlerischen Neuaufstellung der Paula Modersohn-Becker, in FKW-Journal 43/2009

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.