#Guckstu, aber nicht anfassen – der Akt in der Geschichte der Kunst

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Giorgione (1477–1510),  Tizian 1490-1576, Schlafende Venus, Öl/Lw., 108,5 x 175 cm, 1508/10, Gemäldegalerie Dresden. Bild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Giorgione_-_Sleeping_Venus_-_Google_Art_Project_2.jpg
Giorgione (1477–1510), Tizian 1490-1576, Schlafende Venus, Öl/Lw., 108,5 x 175 cm, 1508/10, Gemäldegalerie Dresden. Bild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Giorgione_-_Sleeping_Venus_-_Google_Art_Project_2.jpg

Letzte Woche traf der iranische Regierungschef Hassan Rohani das italienische Staatsoberhaupt Matteo Renzi in den kapitolinischen Museen in Rom. Er passierte mehrere eingesargte antike Akt-Skulpturen. Vergangenen Oktober besuchte Scheich Mohammed Bin Zayed al-Nahyan Florenz. Im Palazzo Vecchio wurde auf Order der italienischen Regierung ein nackter Faun des britischen Bildhauers Jeff Koons hinter einem Vorhang versteckt. Es soll noch weitere Aktionen dieser Art gegeben haben. Was um Himmels Willen haben wir zu verbergen?

Bei den verschleierten Skulpturen handelt es sich um antike Aktdarstellungen. Nicht klar ist, ob der Besuch oder die Gastgeber der alles Nackte negierenden islamistischen Kultur huldigen wollten. Jedenfalls schonte man damit einen hochrangigen Moslem, der mit den blutigen Hinrichtungen von Regimekritikern schon so einiges zu Gesicht bekommen hat. Und vielleicht weiss er durch sein europäisches Studium auch das:

Der Akt ist eines der ältesten und faszinierendsten Motive in der Kunst. Die derzeit älteste Aktdarstellung, eine 6 cm hohe Venus aus Elfenbein, ist 35.000 Jahre alt! Dann die Antike mit ihren herrlich gemeisselten feingliedrigen Frauen und muskulösen Männern. Die alten Ägypter, die klassischen Griechen, die Hellenisten und Römer verehrten die Nacktheit als Vollkommenheit des Lebens. Nicht von ungefähr schmückten sie ihre Tempel, Foren, Hallen und Villen mit all diesen glücklichen Göttern und Göttinnen aus Stein.

Das ließ sich auch malerisch umsetzen. Nackte Figuren in Gestalt von Adam und Eva oder der Verdammten beim jüngsten Gericht tummeln sich auf den mittelalterlichen Altarbildern Die Meister der christlichen Aktkunst: Jan van Eyck, Lucas Cranach oder Rogier van der Wyden wussten, wie sie die Gläubigen in die Kirchen lockten.

Liebend gerne vermaß der Renaissancekünstler Leonardo da Vinci den idealtypischen nackten Männerkörper. Derweil Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle und auf dem jüngsten Gericht nackte Götterhinterteile malte, die Papst Julius II. absegnete. Möglich machte das die Wiederentdeckung der Antike. Die Metamorphosen, die Ilias, die Odyssee wurden zur paradiesischen Lektüre für alle, die unter dem Deckmantel göttlicher Berichterstattung von Liebesdramen und -abenteuern erfahren wollten. Bei Dürer, Tizian, Tintoretto, Rubens, Raffael, Giogione u.a. bestellten die Mächtigen der Welt die halbnackten bzw. nackten Götter: Apoll, Venus und Diana mit den Gesichtszüge des/der jeweiligen Geliebten.

In der Barockzeit führten hohe Herren ihren Besuch durch die hauseigene Bildergalerie, um stolz die Ahnenportraits und gemalten Erotiken zu zeigen: „Alles meins!“ Rubens und Rembrandt malten auch für reiche Bürger prallbarocke Akt-Schönheiten. Im Rokoko brachen Boucher und Goya mit der mythologischen und allegorischen Entschuldigung der Akte. Ihre Maitressen und Mayas waren schlichtweg schöne, aufreizende Nackte. Skandal! Dabei galt das Aktmalen und -zeichnen, abgeleitet von agere:bewegen und actus: Handlung, als Krönung der akademischen Kunstausbildung.

Im 19. Jahrhundert sorgten die Tänzerinnen, Prostituierten, Badenden und Ateliermodelle von Manet, Degas, Renoir, Rodin u.a. für eine erneute Blütezeit der Aktkunst. Damals verschrien und um so mehr angeguckt schmücken diese Werke heute die großen Museen der Welt. Im 20. Jahrhundert lösten Cézanne und Matisse den Akt in Farbe, Formen und Bewegungen auf, Picasso deformierte ihn zu seinen berühmten Desmoiselles d´Avignon, die Surrealisten zerlegten ihn in ihren erotischen Collagen … Bis jetzt können Foto-, Video- und Performancekunst nicht ohne ihn. Wie leer wäre die Welt ohne die Aktkunst! Wie leblos, geschichtslos und gewalttätig. Denn der Akt lehrt uns die hohe Kunst des L(i)ebens und Begehrens, wo es auch schon mal heissen kann:  

#guckstu, aber nicht anfassen!

Ein Gedanke zu „#Guckstu, aber nicht anfassen – der Akt in der Geschichte der Kunst

  1. Herzliche gruesse aus dem Waidspital. Habe diesen Artikel ueber die Nacktheit in unserer Kultur online gefunden. Versuche diesen Donnerstag wieder ins Latein zu kommen.
    Herzliche Gruesse
    Marianne Boesch Vogt

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