World-Women: Pippi Langstrumpf

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Das Mädchen kann nicht lesen und schreiben, sie ist eine Schulverweigerin. Sie lebt im Haus ihres Vaters, der aber oft nicht da ist. Von ihm hat sie das Geld, das sie zum Leben braucht. Eigentlich wohnt sie allein mit ihren Haustieren, das Haus ist zugerümpelt und verdreckt. Klingt voll asselig. Ein Fall fürs Sozialamt? Nein, wir haben hier die Hauptfigur eines der berühmtesten Kinderbücher der Welt: Pippi Langstrumpf. Pippi hat am 26.11. ihren 70. gefeiert, zu dem Berlin-WoMan herzlich gratuliert:

 

Um Pippi Langstrumpf, Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf, ranken sich die 3 Bände der schwedischen Kinderbuchautorin Astrid Lindgren (1907-2002). Kaum zu glauben, aber Pippi ist ein Kriegskind, 1941 zum Trost für die kranke Tochter der Schriftstellerin erfunden und 1944 als Geschichte geschrieben.

Wie vieles im Leben braucht es einen zweiten Anlauf, bzw. einen Umweg. Das Manuskript wurde erst mal von einem Verlag abgelehnt, daraufhin reichte Lindgren den überarbeiteten Text bei einem Wettbewerb des Verlags Rabén & Sjögren ein. Das Buch gewann und wurde am 26.11.1945 veröffentlicht. Die erste Zeichnung von Lindgren persönlich zeigt die Heldin schon in der vollen Pracht ihrer Sommersprossen, mit den struppigen Zöpfen, die wie Rastazöpfe ausschauen, verrutschten Strümpfen und geflicktem Pullover.

Die Kapitel der 3 Bände erzählen jeweils eigenständige Abenteuer von Pippi. Das Mädchen ist 9 Jahre alt und bewohnt mit ihrer Meerkatze und ihrem Pferd eine alte verfallene Villa, irgendwo in einem schwedischen Kaff. Täglich kommen ihre Freunde Tommy und Annika Settergren nach der Schule vorbei, und die drei machen sich den Kinderalltag schön. Das klappt mit Pippi – die von der Schule befreit ist – hervorragend, denn sie ist mutig, stark, herzlich und grundehrlich. Neben fantasievollen, selbst erfundenen Spielen bietet Pippi auch ihr Muskelspiel. Sie ist das stärkste Mädchen der Welt, und wehe, wer ihren Freund/innen was antun will. Den vertreibt sie und besiegt ihn.

Wir kennen Pippi vor allem aus den Büchern des Oetinger Verlags mit den Illustrationen von Walter Scharnweber. Noch zu Besatzungszeiten machte Friedrich Oetinger 1949 in Schweden die deutschen Rechte klar. Damals war Pippi nicht nur beliebt, schwedische und deutsche Verlage erzürnten sich über die „ungezogene“ Göre. Oetinger aber witterte das Potenzial der Pippi-Figur, die Freiheit, Anarchie und Kreativität in sich vereint, und das nicht nur für Kinder! Man sieht in ihr eine Feministin, eine Non-Konformistin, eine Anarchistin. Bis heute gibt der Oetinger-Verlag die Pippi-Bücher heraus. Auch in der DDR wurde Pippi verlegt, hier im Kinderbuchverlag Berlin. Übrigens kam Astrid Lindgren 1953 nach West-Berlin, um ihr Buch auf Einladung des Senats für Bildung und Schulen zu promoten. Alle Bibliotheken sollten eine „Pippi Langstrumpf“ haben und Kindern in Lesekreisen daraus vorlesen.

Wer nicht die Bücher gelesen hat, hat die Filme von Olle Hellbom mit Inger Nilssen in der Hauptrolle gesehen. Also ich fand Tommy und Annika immer doof, aber sie waren das notwendige Gegenmodell zu Pippi. Meine Pippi, die im Kronleuchter schaukelte, ihr Pferd mal locker mit links hochstemmte, das wundervolle Wort „Spönk“ erfand, die Lehrerin davon abbrachte, sie zu unterrichten, nie abwusch, Einbrecher an der Nase herumführte und die Polizei und alle Aufpasser im Ort verzweifeln ließ. Im Film ist ihr Äffchen Herr Nilsson, ihr Pferd ein Apfelschimmel namens Kleiner Onkel und ihr Haus die Villa Kunterbunt. All die anderen Spielfilme, Serien und Zeichentrickfilme reichen nicht an die deutsch-schwedische Serie Ende der 1960er Jahre heran. Tommy und Annika im Unisex, so rannte man ja selber rum und wünschte sich nichts sehnlicher als eine Pippi als Freundin.

Pippi ist Punk, Pippi ist Kunst und sie gefällt mir bis heute! Danke Astrid Lindgren und Congrats to Pippi!

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