Die Urmutter von Facebook entdeckt! Der Freundschaftstempel im Gleimhaus in Halberstadt

Medien

der Freundschaftstempel im Gleimhaus, historisch und heute. Bildquelle: http://www.gleimhaus.de/
der Freundschaftstempel im Gleimhaus, historisch und heute. Bildquelle: http://www.gleimhaus.de/

Die Sozialen Medien sind die Prügelknaben der Nation. Denn hier sind Datenklau und politische Unkorrektheiten kaum zu verbergen. Doch werden wir mit jedem Schritt ins Internet zu Personen des öffentlichen Lebens. Nicht nur in den Social Media. Und ist das so neu? Nein! Schon im 18. Jh. gab es soziale Netzwerke, wie z.B. den Freundschaftstempel von Johann Wilhelm Ludwig Gleim. Das Gleimhaus in Halberstadt existiert bis heute und zeigt uns, wie man stressfrei öffentlich privat sein kann. Es gilt als „Kultureller Gedächtnisort mit besonderer nationaler Bedeutung“.

Im Halberstädter Gleimhaus, das nach seinem Besitzer, dem Dichter und Sammler Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719-1803) benannt ist, befinden sich Bilder, Bücher und Briefe aller Personalities der deutschen Aufklärung, Ende des 18. Jahrhunderts. Mit ihnen hatte der geniale Networker korrespondiert, debattiert und sich getroffen, darunter Johann Joachim Winckelmann, Sophie von La Roche, Gotthold Ephraim Lessing, Klopstock, Herder, Jean Paul, Anna Louisa Karsch und Elisa von der Recke.

Das Netzwerk bestand aus vielen hundert Kontakten. Von den engsten Freunden ließ Gleim Portraits anfertigen, weitere wurden gestiftet, die der Literaturfreund in seinem Wohnhaus, dem heutigen Gleimhaus ausstellte. Die Bilder stammten von anerkannten Malern wie Anton Graff oder der Familie Tischbein. Parallel zum „Freundschaftstempel“ trug Gleim eine Bibliothek und eine Handschriftensammlung zusammen. Insgesamt sind es 10 000 Briefe aus über 500 Korrespondenzen, 100 Manuskripte, schriftliche Nachlässe und eine Bibliothek mit 12.000 Bänden vom 16. Jahrhundert bis zum frühen 19. Jahrhundert zu den Themen Literatur, Kunst, Kultur, Wirtschaft, Naturwissenschaften und Politik.

Im Zusammenspiel der Bilder, Bücher und Briefe entstand ein einzigartiges Zeugnis der Freundschaftskultur. Es verschaffte den abwesenden Freunden Präsenz und Gegenwärtigkeit. Ihre Dokumente wurden auch von anderen Besucher/innen und Netzwerkpartner/innen angeschaut und gelesen. Damit hatte offenbar keine/r ein Problem, im Gegenteil war es eine Ehre, an Gleims Freundschaftszirkel zu partizipieren. Die drei Bs sind eine gelungene Frühform des Avatars, wie wir ihn heute im Web und vor allem in den sozialen Medien unterhalten. Während wir jedoch oft distanz- und hemmungslos über das herziehen, was der eine oder die andere im Web loslässt, pflegten unsere Facebook Vorfahren im Gleimhaus die hohe Schule des Vernetzens und der Kommunikation. Lästereien wurden fein verpackt, Komplimente elegant mitgeteilt. Davon sollten wir uns echt eine Scheibe abschneiden, wollen wir die sozialen Netzwerke weiterhin sinnvoll und menschenfreundlich nutzen.

Aus Halberstadt mit seinem Freundschaftstempel entwickelte sich DAS literarische Zentrum Deutschlands. Nach Gleims Tod wurde das Haus 1862 als Literaturmuseum wiedereröffnet. Es ist das älteste Museum seiner Art in Deutschland und besteht in erweiterter Form bis heute. Auch digital:

die Porträtsammlung 

die Porträtgrafiksammlung

die Bibliothek  und die Briefhandschriften (mit Digitalisaten) über einen eigenen OPAC auf der Homepage bzw. über den GBV-GVK

ein Querschnitt durch die Sammlungen und die modernen Künstlernachlässe

GLEIMHAUS. Museum der deutschen Aufklärung, Domplatz 3, 38820 Halberstadt, 03941 68710, 3/5 €, Di-So 10:00-16:00 Uhr (Nov-April), 10:00-17:00 Uhr (Mai-Oktober)

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