Berlin-WoMen: Herwarth Walden

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Herwarth Walden 1918, http://schirn.de/sturmfrauen/digitorial/
Herwarth Walden 1918, http://schirn.de/sturmfrauen/digitorial/

Herwarth Walden (16.09.1878-31.10.1941) hieß eigentlich Georg Lewin. Doch als bedeutender Verleger, Galerist und Förderer des deutschen Expressionismus brauchte es einen knackigeren Namen, dem ihm dann Else Lasker-Schüler verpasste. Walden verhalf auch zahlreichen Künstlerinnen zum Durchbruch. Und das in einer Zeit, in der Frauen noch heftig um ihre Rechte kämpfen mussten. Hier erfahrt ihr mehr über diesen außergewöhnlichen Berlin-WoMan:

Der studierte Musiker und Sohn einer wohlhabenden jüdischen Familie schrieb, editierte, kaufte und verkaufte Kunst, musizierte und komponierte. Seine Leidenschaft galt der Avantgarde in Kunst und Literatur: Expressionismus, Futurismus, Dadaismus, Neue Sachlichkeit. Schon 1903 gründete Herwarth Walden den „Verein für Kunst“, dem viele berühmte Literat/innen angehörten, darunter Else Lasker-Schüler, Heinrich und Thomas Mann, Frank Wedekind, Rainer Maria Rilke, Richard Dehmel und Alfred Döblin.

Mit seiner Zeitschrift „Der Sturm“ die er gemeinsam mit Döblin und Karl Kraus gründete und die 1910-1932 erschien, schuf Walden eines der wichtigsten Foren des Expressionismus. Die Zeitung im Selbstverlag kostete 10 Pfennig und startete mit einem Umfang von 8 Seiten, Oskar Kokoschka illustrierte die ersten Hefte. Bald schon sollte sich „der Sturm“ in einer 30.000er Auflage als „Wochenschrift für Kultur und die Kunst“ etablieren. Mitwirkende war die avantgardistische Creme de la Creme: Anatole France, Knut Hamsun, Arno Holz, Selma Lagerlöf, Otto Nebel und Kurt Schwitters.

Der Sturm weitete sich zur Kulturmarke aus, unter der Herwarth Walden 1912 eine Galerie, 1914 ein internationales Nachrichtenbüro, 1916 eine Kunstschule inklusive Sturmabende für Lesungen, 1917 eine Sturm-Buchhandlung und 1918 eine Sturm-Bühne eröffnete. In der Galerie zeigte er die führenden Vertreter/innen aller progressiven Kunstrichtungen: Marc Chagall, den Blauen Reiter, die russische Avantgarde, die Dadaist/innen, die Futuristen und die Neuen Sachlichen, wie Georg Schrimpf und Maria Uhden. Herwarth Walden realisierte auch spektakuläre Gegenveranstaltungen, so den legendären Ersten Deutschen Herbstsalon, der sich mit 360 Werken von über 80 internationalen Künstlern gegen die Positionen des Kölner Sonderbunds richtete. Bis 1921 veranstaltete die Sturm-Galerie 100 Ausstellungen.

Liebe und Arbeit waren für den engagierten Kunstkenner offenbar eins. 1901-1912 war er mit der 10 Jahre älteren expressionistischen Dichterin und Malerin Else Lasker-Schüler liiert, die ihm seinen Künstlenamen und dem „Sturm“ den Titel verpasste. Nach der Scheidung heiratete der Pazifist die schwedisch-schweizerische Künstlerin und Autorin Nell Roslund, die die Kontakte zu den deutschen Nachrichtendiensten in den nordischen Ländern und den Niederlanden aufbaute. 1919 erhielt Nell Walden von Herwarth seine gesamte expressionistische Kunstsammlung. Schon da überschattete die kommunistische Begeisterung des Avantardisten das Eheverhältnis. 1923 legte Nell Walden dann ihre Arbeit für den Sturm nieder und ließ sich 1924 scheiden. Bereits 1925 ging Herwarth Walden seine dritte Ehe mit der Übersetzerin Ellen Bork ein. Sie begleitete ihn 1932 in die UdSSR, wo Waldens avantgardistische Einstellung bald auf Mißtrauen stieß. 1941 wurde er bei stalinistischen Säuberungsaktionen verhaftet und umgebracht. Er hinterließ Kompositionen, mehrere Romane, Dramen, kunstkritische Essays und eigene Kunst.

Herwarth Walden war auch Avantgardist in der Förderung von Künstlerinnen. Zahlreiche Malerinnen, Bildhauerinnen, Designerinnen und Bühnenbilderinnen gehörten zum Programm der Sturm-Galerie und -Zeitschrift. Derzeit werden 18 „Sturmfrauen“ in einer prachtvollen Ausstellung in der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt/M. vorgestellt. Darunter sind Else Lasker Schüler, Maria Uhden, Marcelle Cahn, Sonia Delaunay, Alexandra Exter, Natalja Gontscharowa u.a. Berlin-WoMan wird berichten!

Sturm-Frauen. Künstlerinnen der Avantgarde in Berlin 1910-1932, Kunsthalle Schirn, Frankfurt/M., bis 07.01.2016

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