Das Private wird politisch: Berlin-Woman trifft Rainer Langhans und seinen Harem, mit Bildstrecke

Berlin-München

Rainer Langhans und seinen Harem auf Berlin-Woman
Rainer Langhans, Brigitte Streubel, Christa Ritter, Juni 2015 ©Berlin-Woman

München, Ende Juni 2015. Es herrscht strahlender Sonnenschein, die blauweiße Bajuwarenstadt zeigt sich von ihrer schönsten Seite. Mit der Filmemacherin Christa Ritter habe ich ein Meeting ausgemacht. Daraus wird ein Treffen mit Christa, Brigitte Streubel und Rainer Langhans, die mit 3 weiteren Frauen in ihrem Harem zusammenleben. Und das seit 40 Jahren. Traditionell ist der Harem ein komplexer Ort für Macht- und Geschlechterpolitik. Wie lebt das die Gruppe heute?

Bildstrecke: München, 27.06.2015 ©Berlin-Woman. Reise nach Indien 2015. Anfänge. 1995.

Rainer Langhans ist Initiator und berühmtester Bewohner der Kommune 1 in Berlin, medienwirksamer Lover des Supermodel Uschi Obermaier und seit den 1970er Jahren mit seinem Harem Christa Ritter, Brigitte Streubel, den berühmten Zwillingen Gisela Getty, Jutta Winkelmann und Anne Werner zusammen. Die Gruppe versteht ihr Zusammensein als soziales Experiment, bei dem das Private politisch wird.

Auf meine Frage, ob die weiblichen Haremsmitglieder miteinander befreundet wären, reagiert Christa Ritter ablehnend: Freundinnen, das klingt kitschig. Da würde drinstecken, dass sich frau trifft, um über Männer herzuziehen und sich die dann gegenseitig auszuspannen. Langhans´Haremsfrauen aber wollen an den Kern der eigenen Ohnmacht kommen, den eigenen Besitzwahn entlarven, häufig im heftigen Kampf mit der anderen. Sie wollen weg vom System „Eva“, von der Fixierung auf den Mann und dem Unterwerfungsdrang. Auch nach so langer Arbeit durchleben sie immer wieder den Prozess der Selbstversklavung und der Befreiung daraus. Brigitte erzählt, wie sie mit Rainer die Chance für sich entdeckt hat, ihre monogamen Verhaltensmustern aufzubrechen.

Während wir frühstücken und miteinander reden, geht Christa mit Rainer fast fürsorglich um. Auf mich wirken alle wie eingespielte WG-Genoss/innen, und doch sprechen beide Frauen vor allem von den Kämpfen und Auseinandersetzungen, die sie mit Rainer und miteinander durchleben. Halten sie sich vor mir zurück? Was ich sofort sehe und verstehe ist, dass SIE sich Rainer ausgesucht haben und nicht umgekehrt. Hier grenzen sie sich vom klassischen Haremsmodell ab, wo der Pascha das Sagen hat. Der traditionelle Harem diente neben anderem der Nachwuchssicherung, was den Langhans-Harem überhaupt nicht interessiert. Drei Frauen haben Kinder von anderen Männern, Rainer ist so etwas wie deren geistiger Vater.

Langhans tritt total relaxt auf und gibt glasklare Antworten. Er lässt sich nicht die Butter vom Brot nehmen. Auch scheint er weniger zu verlieren zu haben, als seine Partnerinnen. Wir kommen auf die sozialen Netzwerke zu sprechen, in denen sich auch ein Teil des Harems tummelt. Rainer hält diese Netzwerke für „besser“, „humaner“ und „friedlicher“. Das Internet mit seinen enormen Kommunikations-Möglichkeiten würde die Welt langfristig verbessern, selbst, wenn der Krieg auch dort stattfindet. Die sozialen Netzwerke machen deutlich, wie sehr das Private politisch geworden ist.

Ich möchte wissen, ob die fast 40 Jahre Miteinander nicht doch einen Funken Sicherheit bedeuten. Wer so lange gegen alle gesellschaftlichen Klischees lebt und agiert und nicht die Flucht ergreift, der mag sich doch?! Groß sei die Liebe unter den Frauen nicht, lachen sie. Aber das könne ja noch werden. Der Harem bleibt ein tägliches Experiment, hier ginge frau/man aufs Ganze, Sicherheit gebe es nicht, alle Situationen würden immer wieder neu ausgehandelt. Nähe und Distanz wechseln ständig.

Es ist ein fortlaufendes Scheitern, ein Vorwärts-Scheitern, betont Langhans. Da muss ich nochmal nachfassen: Und was ist mit der Liebe? Ihr bleibt doch bei allem, was ihr euch um die Ohren haut, zusammen. Ja, und es gibt nichts Besseres als diese Arbeit, lautet die Antwort. Also, die ideale Liebe ohne Regeln, Verbote und Gebote?

Christa hat eine Nachricht von Jutta Winkelmann bekommen. Jutta liegt im Krankenhaus, sie hat Krebs. Das erschüttert die Gruppe, gibt die Filmemacherin zu. Krankheit und Tod kommen zum ersten Mal sehr nah. Die Dynamik könnte sich erneut verändern. Der Harem bricht auf, sie wollen an einen der Bayerischen Seen zum Schwimmen. „Kommst du mit?“ fragen sie. Ich hab keine Zeit und muss das soziale Experiment an dieser Stelle verlassen.

Ich habe noch so viele Fragen, see you next time!

Rainer Langhans auf Berlin-WoMan

Styx, die Reise beginnt, von Christa Ritter

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