Sei Realist – sei Berliner. Leidenschaftliche Sichten des homo sapiens, Zitadelle Spandau, bis 15.10.2015

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Foto: ©Berlin-Woman
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Sonntag, ein zauberhafter Spätsommertag. Den verbringen wir nicht auf Berlins staubigen Straßen, vermüllten Plätzen oder in stickigen Bars. Wir fahren heute zur Zitadelle Spandau. Hier befindet sich nicht nur die älteste Architekturanlage Berlins, die Schatten spendende Festung von Francesco Chiaramella de Gandino aus dem 16. Jahrhundert. Hier ist auch eine der tollsten Ausstellungen zu sehen, die die Stadt derzeit zu bieten hat: Sei Realist – sei Berliner. Leidenschaftliche Sichten des homo sapiens, täglich geöffnet.

Bildstrecke: Grützke. Ruschmeyer. Sowa. Feinstein. Heisig. Hill. Holtz. Moras. Leißner. Scheib. Die Rechte liegen bei den jeweiligen Künstler/innen. Wiedergabe mit der frdl. Genehmigung der Zitadelle Spandau

Der Titel ist nicht gelogen, 11 berühmte Berliner Künstler/innen aus den Bereichen Malerei und Bildhauerei geben hier ihr Bestes. Sie haben sich allesamt dem Realismus verschworen. Johannes Grützke, Michael Sowa, Johannes Heisig, Hans Scheib, Heike Ruschmeyer, Pavel Feinstein, Torsten Holtz, Bettina Moras, Lilli Hill, Andreas Leißner, Manfred Bluth, Karlheinz Ziegler und Matthias Koeppel halten sich und uns den Spiegel vor. Und das in den schärfsten Tönen, Farben und Formen. Da strickt eine nackte Frau mit einem roten Wollknäuel um den Kopf an einem roten Schal (Lilli Hill). Da steht ein schüchterner junger Mann mit Schwimmbrille, Badekappe, weißem Shirt und roten Schwimmflügeln um die Oberarme geschnallt in der Gegend herum (Torsten Holtz). Da malen Künstler und Affen und tun auch sonst verrückte Dinge (Pavel Feinstein). Da hebt Europa ihr dünnes Stöckchen und um sie herum agieren Glatzen der verschiedensten Art. Es geht zu wie im Kindergarten (Johannes Grützke). Da erhebt ein schöner junger Schlägertyp die Fäuste vor einer dunklen Stadt- und Maschinen-Silhouette (Andreas Leißner). Und da veranstalten ulkige Menschen sehr ulkige und absurde Sachen, bei denen einem das Lachen im Halse stecken bleibt (Michael Sowa). Das Dreifachwesen aus Holz: Täter, Opfer und Held ist ein auf dem Boden kalkweißer blutbefleckter Knieender mit einem Riesenpenis (Hans Scheib). Fette, häßliche, dumme und krumme Menschen bevölkern die Werke dieser erstklassigen Realisten-Ausstellung. Und sind sie schön, so wird ihre Attraktivität von ihrer Boshaftigkeit und Grobheit ausgemerzt.

Ja, wer schwache Nerven hat, sollte sich nicht in die Bastion Kronprinz wagen. Wer der Wahrheit hingegen ins Auge sehen kann, erlebt einen Kunstgenuss vom Feinsten. Denn diese menschlichen Abgründe sind herrlich, prachtvoll und köstlich gezeichnet, gemalt und gebildhauert. Es ist: Pure menschliche Leidenschaft!

Sei Realist – sei Berliner! Leidenschaftliche Sichten des homo sapiens, Zitadelle Spandau, Ausstellungsäle Bastion Kronprinz, Am Juliusturm 64, 13599 Berlin, Mo-So 10:00-17:00 Uhr, 4,50/2,50 €, verlängert bis 18.10.2015.

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