Schuld & Sühne: ein Besuch im ehem. Frauen-KZ Ravensbrück, mit Bildstrecke

Solidarity

©Berlin-Woman
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Sonne am Schwedtsee. Tausend Lichtkristalle funkeln über dem Wasser. Ein Kormoran. Stolze Yachten und ein paar Segler sind unterwegs. Es weht ein leichte Sommerbrise. Wir paddeln ans Ende des Sees, nach Ravensbrück. Dort empfängt uns die Hölle:

Bildstrecke ©Berlin-Woman: Weg zum KZ. Kleines Mahnmal. Die Gedenkstätte. Fotowand der neu Inhaftierten. Straßenarbeit 1942. Die Nagelschere wurde (um 1944) von der luxembg. Kommunistin aufbewahrt, damit sich keine Frau etwas antun konnte.  Die spanische Puppe aus Stoffresten und Menschenhaar wurde von der spanischen Widerstandskämpferin Luise London 1944 gefertigt. Agnes Bartha formte 1945 aus Kunstschnee der Siemensfirma einen Osterhasen (Nachbildung von AB). Zeichnungen von Nina Jrsikova und Maja Berezowska zu den Lagerzuständen (1945 und nach 1945). Häftlingskleidung. Schuld & Sühne. Hier wurde erschossen.

Hier befand sich das größte Frauen-KZ des deutschen Reichs. 1939 wurde es von der SS errichtet, bald kamen die ersten weiblichen Häftlinge. Draußen wurden sie im Straßenbau und im Lager für 12-stündige Schichtdienste in der Näherei, Wäscherei und Gerberei eingesetzt. Die Frauen lebten in Baracken. Ab 1944 leisteten sie industrielle Schwerstarbeit in 20 Werkhallen für Zwangsarbeiter der Firma Siemens & Halske. Direkt neben dem KZ.

Bis zur Befreiung durch die Rote Armee im April 1945 waren hier 132.000 Frauen und Kinder, 20.000 Männer und 1.000 weibliche Jugendliche aus 40 Nationen inhaftiert. Sie wurden von 1.000 SS-Leuten und 550 Aufseherinnen bewacht. Bis zu 28.000 wurden ermordet oder starben an Hunger, Krankheiten und den grausamen medizinischen Experimenten. Seit Ende 1944 gab es eine Lager eigene Gaskammer, wo bis zu 6.000 Häftlinge den Tod fanden. Mit Himmlers Räumungsbefehl zum Kriegsende wurden 20.000 in Marschkolonnen Richtung Nordwesten getrieben. 2.000 Kranke blieben zurück. Viele starben in den Wochen nach der Befreiung, andere litten noch Jahrzehnte unter dem Trauma der KZ-Haft. 1959 wurde das Lager zur Nationalen Mahn- und Gedenkstätte, nun gibt es im Zellenbau und in der Kommandantur Ausstellungen zur Lagergeschichte, den Biografien der Inhaftierten und dem Aufsichtspersonal mit Erinnerungsstücken, Zeichnungen, Dokumenten, 1.000 Fotos und Interviews von 54 Überlebenden.

Zweimal haben wir die Gedenkstätte schon besucht. Und sind immer noch nicht fertig. Wir schauen uns die Fotos der Frauen an, junge, alte, verzweifelte, lächelnde. Sie wurden direkt nach ihrer Gefangennahme aufgenommen, die Frauen haben noch ihre Haare und ihre bürgerliche Kleidung. Beides wurde ihnen abgenommen, auf ihren Häftlingskleidern prankte ein farbiges Dreieck. So konnte man sofort sehen, welcher Gruppe sie angehörten: Jüdinnen, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, sog. Kriminelle, Widerstandskämpferinnen und die jeweilige nationale Zugehörigkeit. Schlechte Ernährung, Überfüllung und mangelnde bis gar keine Hygiene standen auf der Tagesordnung.

Das weibliche Wachpersonal übte gezielte und willkürliche Menschenrechtsverletzungen aus: Die Wächterinnen schrien die Opfer an, beleidigten und erniedrigten sie, sie schlugen mit Peitschen und Stöcken, hetzten Hunde auf die Geschwächten und entzogen ihnen die wenige Nahrung. Wie Überlebende berichteten, waren die Aufseherinnen jung, schön, kamen aus gutbürgerlichem Haus. Sie hatten ein spezielles Training absolviert. Bei den wenigen Prozessen gegen die ehemaligen Aufseherinnen war ihre Ausrede: „Was hätten wir denn tun sollen?“ Dabei war es möglich, zu kündigen!

Im Unterschied zu Männer-KZs entwickelte sich in Ravensbrück eine eigene Struktur. Es gab Lager-Familien mit einer strengen Hierarchie. Aus dem wenigen, was da war, wurde etwas gemacht: Geschenke, Gedichte, Zeichnungen, ja sogar Musikstücke wurden komponiert. Auch die Häftlinge waren hart und grausam untereinander. Es ging um Leben und Tod. In der Gedenkstätte Ravensbrück ist das alles nachzulesen, anzusehen, anzuhören und wenn man will auch ein wenig nachzuerleben. Wir sehen die Täter- und Opferseite, wir sehen ihre Vielschichtigkeit, ihre Struktur, ihre Systematik und ihre Dynamik.

Auf welcher Seite stehen wir, auf welcher Seite stehst du? 

Wir müssen noch mal wiederkommen!

Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Straße der Nationen, 16798 Fürstenberg/Havel, +49 (0) 33093608-0, info@ravensbrueck.de, paedagogik@ravensbrueck.de, Okt.-April: Di-So 9:00-17:00, Mai-Sept. Di-So 9:00-18:00 Uhr, Außengelände: Okt.-April Do-So 9:00-17:00 Uhr, Mai-Sept. 9:00-20:00 Uhr

Anreise stündlich mit der RE 5 bis Fürstenberg/Havel, 25-min Fußweg. Mit dem Auto über die B96 Berlin-Stralsund

Gedenkstätte Ravensbrück

Gedenkstätte Ravensbrück auf Wikipedia

Überlebende erzählen

 

3 Gedanken zu „Schuld & Sühne: ein Besuch im ehem. Frauen-KZ Ravensbrück, mit Bildstrecke

  1. Sehr geehrter Herr Gretzler, in der Gedenkstätte selbst gibt es eine große Auswahl an Literatur: Interviews, Memoiren, Berichte, Analysen. Schauen Sie mal auf die Website der Stätte, die wir angegeben haben. Evtl. ist dort auch schon Literatur aufgeführt. Viele Grüße und danke für Ihr Interesse.

  2. sehr geehrte damen und herrn

    ich wollte mal fragen.wegen bücher über das kz-ravensbrück,wo man die kaufen,bestellen kann.
    mit freundlichen grüßen
    r.gretzler
    wolgast 18.8.15

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