Lob des Schattens! Entwurf einer japanischen Ästhetik von Tanizaki Jun´ichiro

Gestalten mit Berlin-WoMan

©Berlin-Woman
©Berlin-Woman

 

Übers Klo schreiben? Das geht nur, wenn man Tanizaki Jun´ichiro heißt und der größte japanische Autor des 20. Jahrhunderts ist. Hinreißend beschreibt er die Sauberkeit, das geschliffene Holz, das Helldunkel und die Lage im Grünen des traditionellen japanischen Aborts. Da möchte man doch gleich … Aber halt, es gibt noch vieles, vieles mehr in der Abhandlung „Lob des Schattens. Entwurf einer japanischen Ästhetik“ zu entdecken. Es ist eine komplett andere Sicht auf den Lifestyle. Und wird deine Ess- und Lebensgewohnheiten, ja vielleicht dein ganzes Leben verändern.

Tanizaki Jun´ichiro sagt es gleich vorne an, er mag das Wetteifern des Ostens mit dem Westen nicht. Grelles elektrisches Licht, weiße Porzellanfliesen im Klo, helles Porzellangeschirr, weiße Haut. All das ist nicht Japan. Die Japaner/innen sind ein Inselvolk, die in jahrhundertelanger Abschirmung vom Westen eine eigene Ästhetik entwickelt haben. Eine, die auf das Dunkel und Gelbe der japanischen Haut, so Tanizaki, abgestimmt ist. Und sich aus dem Dämmerlicht der Papierlampen, dem dunklen Schimmer des Lackgeschirrs, den sandfarbenen Wänden und dunklen Nischen in den Wohnräumen, den schwarz gefärbten Zähnen und Mundhöhlen der japanischen Geischas nährt.

Alles dreht sich um das Dunkle: z.B. wenn eine heiße Brühe in einer dunklen Lackschale dampft. Oder der weiße Reis bzw. weißfleischiger Fisch in derselbigen leuchtet. Wenn man in die Nischen der japanischen Räume hineinspäht, dort, wo Blumen oder Rollbilder im Halbdämmer kunstvoll plaziert sind. Wenn das Gold einer Buddhastatue in den lichtarmen Räumen aufblitzt. Hier ist der Meister der Schatten, den nur die Japaner/innen einfangen und in ästhetische Momente verwandeln können. Der Schatten in der Wohnraumgestaltung, der Schatten auf der Bühne des Kabuki- und No-Theaters, der Schatten der Räume tief in den japanischen Häusern, in denen die Frauen von hohem Stand ihr geheimnisumwittertes Dasein fristeten, der Schatten in der japanischen Dichtung und Literatur.

Für Tanizaki ist der Schatten lebendig und farbig: „Haben Sie, meine Leser, je die Farbe einer solchen ´kerzenlichtbestrahlten´ Dunkelheit gesehen? Sie war irgendwie aus einer anderen Substanz als etwa das Dunkel auf einem Nachtweg; der Eindruck drängte sich auf, es wimmle von winzigen, aschenartigen Körperchen, und jedes einzelne Teilchen glänze in allen Regenbogenfarben“ lautet eine seiner schönsten Beobachtung.

Wer keinen Bock mehr auf das Dejavue der Billyregale, auf Solarlampenkitsch und geblümte Baukastensofas hat, sollte sich den „Lob des Schattens“ zu Gemüte führen. Und von nun an Wohnung und Leben mit dem Schatten gestalten.

Es lohnt sich, immer, immer wieder.

Tanizaki Jun´ichiro, Lob des Schattens. Entwurf einer japanischen Ästhetik, Manesse Verlag Zürich, ISBN 3-7175-8109-0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.