Berlin-Women: Benita Koch-Otte, Bauhaus-Künstlerin

Berlin-Women

Blick in die Ausstellung "Die Bauhäuslerin Benita Koch-Otte. Textilgestaltung und Freie Kunst 1920 - 1933". BIld: www.bauhaus.de
Blick in die Ausstellung „Die Bauhäuslerin Benita Koch-Otte. Textilgestaltung und Freie Kunst 1920 – 1933“. BIld: www.bauhaus.de

Sie verzichtete auf eine Festanstellung als Lehrerin an einer Höheren Mädchenschule in Uerdingen und ging ans Bauhaus in die Weberei. Hier lernte sie das Experimentieren mit neuen Materialien kennen. Benita Koch-Otte (23.05.1892-26.04.1976) ist eine bedeutende Bauhaus-Künstlerin. In der heutigen Rezeption streitet man sich über ihre Auftragsarbeiten im Nazideutschland. Eine Künstlerinnenkarriere mit Licht und Schattenmomenten:

 

Nach ihrem Lyzeumsbesuch in Krefeld macht die deutsch-tschechische Künstlerin Benita Koch-Otte 1913 die Staatl. Zeichenlehrer-Prüfung in Düsseldorf, 1914 die Staatl. Turnlehrerinnen-Prüfung im Frauenbildungsverein Frankfurt a.M. und die Staatl. Handarbeitslehrerin-Prüfung im Berliner Letteverein. Im Anschluss arbeitet sie als Lehrerin an der Höheren Mädchenschule in Uerdingen/Rh. , was sie jedoch nicht erfüllt. Von daher nimmt sie 1920 ein Studium am Bauhaus in Weimar auf. Ihre Lehrer sind die berühmten Bauhäusler Johannes Itten, Paul Klee, Oskar Schlemmer und Theo van Doesburg.

1924 legt sie die Gesellenprüfung ab, zieht mit dem Bauhaus nach Dessau und unterstützt ihre Freundin und Kollegin Gunta Stölzl beim Aufbau der Webereiklasse. Sie beteiligt sich an der Gestaltung des „Musterhaus am Horn“, entwickelt einen mulitfunktionalen Lern- und Spielteppich für Kinder und entwirft den vielbeachteten Smyrnateppich für das Direktorenzimmer von Walther Gropius.

Dann wechselt sie zur Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein, wo sie bis 1933 die Abteilung der Handweberei leitet. Hier prägt sie neue Stoffe für Möbel, Vorhänge, Decken und Raumbespannung und verwendet ungewöhnliche Materialien: Holzspäne, Gras, Cellophan, Metallfäden, Federn und Rinde. Die Künstlerin beteiligte ihre Schüler/innen am Entwurfsprozess.

1929 heiratet Benita den tschechischen Innenarchitekten und Fotografen Heinrich Koch, der ihr beruflich folgt. Unter den Nationalsozialisten kommen die Entlassungbriefe, das Paar wandert nach Prag aus. Nach dem tragischen Unfalltod von Heinrich im Jahr 1934 kehrt Benita Koch-Otte nach Deutschland zurück. Sie nimmt die Aufgabe als wirtschaftliche und künstlerische Beraterin in der Weberei der Bodelschwinghschen Anstalten Bethel wahr. In ihrer Werkstatt sind 100 Personen beschäftigt, darunter ¾ Pflegebedürftige.

Dass sie auch öffentliche Aufträge übernimmt, beschert ihr in der heutigen kunsthistorischen Rezeption kontroverse Diskussionen. Hat sie es nur anderen Bauhäuslern, wie Walter Gropius, Mies van der Rohe, Herbert Bayer und Lilly Reich gleichgetan? Auch diese haben sich anfangs unter und trotz der nationalsozialistischen Herrschaft um Fortsetzung ihrer Arbeit bemüht. Nachweisbar ist Benita Koch-Otto mit Adolf Hitler, den sie sehr ironisch „Bobby“ nennt, nicht einverstanden gewesen. Auch nach ihrer Pensionierung 1957 bleibt die Künstlerin in Bethel aktiv. Sie stirbt 1976 im Alter von 83 Jahren. Werk und Lebensweg dieser bedeutenden Bauhäuslerin bleiben weiterhin zu erforschen. Womöglich bringt das Jubliäumsjahr 2016 Neues ans Licht.

2 Gedanken zu „Berlin-Women: Benita Koch-Otte, Bauhaus-Künstlerin

  1. Herzlichen Dank, Frau Dietl-Beissel für die ergänzenden Informationen über Benita Koch-Otte. Wir warten gespannt auf eine endgültige Bewertung ihres künstlerischen Werdegangs. Bewusst haben wir Fragen in unserer biografischen Darstellung angeführt. und, wie wir ja schon im Artikel gesagt haben, wird das Jahr 2016 sicherliches neues ans Licht bringen. 2015 ist das Jahr der Klärung, 2016 das Jahr des Lichts für Benita. Wir dürfen gespannt bleiben.

  2. Ich empfehle zu einer gerechten Beurteilung von Benita Koch-Ottes Stellung im „Dritten Reich“ Forschungen im Archiv der Bodelschwinghschen Heilstätten in Bethel. Sie lebte seit 1934 im Haus der Familie von Bodelschwingh.
    Julia von Bodelschwingh, die selbst Malerei in Berlin studiert hatte, holte sie nach Bethel und verhalf damit der Weberei zu einer neuen, künstlerischen Qualität.
    Durch die Textilwerkstätten in Bethel gelang es, viele Pfleglinge dem Zugriff der Euthanasieprogramme zu entziehen, da sie durch ihre Arbeit nachweisbar noch nützlich und damit nicht „lebensunwert“ waren.
    Pastor Bodelschwingh, der nach kurzer Amtszeit als Evangelischer Bischof 1933 aus dem Amt gedrängt worden war, arbeitete für die ihm anvertrauten Behinderten im Stillen, um sie und andere Gefährdete zu schützen. Dass dieses
    vorsichtige Taktieren und Agieren im Hintergrund bei heutigem schnellem Blick zu ebensoschneller und wohl ungerechter Verurteilung einer nicht vordergründig sichtbaren grossen menschlichen Leistung führt, die durch die künstlerische Leistung ermöglicht wurde, ist schade, kann aber durch Lektüre der Quellen behoben werden. Pastor Bodelschwingh starb 1946 an Entkräftung.

    Fest steht, dass Benita Koch-Otte all ihre Kräfte gemeinsam mit der Familie von Bodelschwingh und ihren Mitarbeiterinnen einsetzte, damit die Werkstätten die dort Arbeitenden vor dem Zugriff der Nazis schützten. Übrigens waren die Werkstätten immer ein Teil der Bodelschwinghschen Anstalten und nicht etwa ein privatwirtschaftliches Unternehmen Benita Koch-Ottes, wie Ihr Text andeutet.
    Bis zu ihrem Tod fühlte sie sich für das künstlerische Programm der Textilwerkstatt verantwortlich und stand beratend bereit.

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