Wie weit ist es mit uns? Ein Ausstellungsbesuch bei: Liu Xia. Eine Fotografin aus China, Martin Gropius-Bau

Berlin-Mitte, Martin Gropius-Bau

Liu Xia auf Berlin-Woman

„Wir leben mit den Puppen zusammen und sind von der Kraft der Stille umgeben. Mit der offenen Welt um uns herum kommunizieren wir mit Gesten“ (Liu Xia). Bis zum 19.04. sind die Fotografien und Gedichte der chinesischen Künstlerin im Martin-Gropius-Bau zu sehen. Die Ehefrau des Friedensnobelpreisträgers und prominentesten Häftlings Chinas Liu Xiaobo wird permanent observiert. Liu Xia hat ihrem Trauma Bilder gegeben. Vielleicht kann sie deshalb immer noch lachen. Schaut euch die Ausstellung unbedingt an.

 

Liu Xia leidet unter Schlaf- und Gedächtnisstörungen. Das erzählt sie in einem Videointerview. Die jungenhafte Chinesin mit den kurzen Haaren sitzt vor einem Bücherregal und zündet sich eine Zigarette nach der anderen an. Sie ist Kettenraucherin. Das alles ist verständlich, wenn wir uns ihre Situation als Partnerin des prominentesten Regimegegners Chinas vor Augen führen. Liu Xiaobo, die Galionsfigur des demokratischen Aufbruchs auf dem Platz des himmlischen Friedens 1989, sitzt bis 2020 in Haft. Das Paar sieht sich nur ein paarmal im Jahr. Der Alltag der Ehefrau ist stark reglementiert, dazu gehört auch die Nutzung der Kommunikationsmedien.

Seit 1993 hat sich die ehemalige Finanzfachfrau Liu Xia, die sich selbst als unpolitisch bezeichnet, ganz der Kunst zugewandt. Ihre Schwarzweißfotografien geben Szenerien mit Gegenständen und Objekten aus der unmittelbaren Umgebung der Künstlerin wider. Herrscher ihrer Bilder sind die „ugly babies“, die hässlichen Puppen. Sie verstecken sich im Halbschatten eines Bücherregals vor europäischen Klassikern, sie sind zwischen zwei kunstvoll geschmiedeten Türklopfern mit Drachenkopf fest eingeklemmt, sie starren von schroffen Steinklippen hinaus aufs Meer, sie haben sich in einem Labyrinth aus Holzbalken verirrt. Die Puppen – Mitbringsel von Freunden – verziehen die Gesichter zu hässlichen Grimassen: schreiend, mürrisch, böse und bösartig. Genauso verhalten sie sich auch, wenn sie konspirativ oder aggressiv zusammenhocken und seelische und körperliche Gewalt an ihrem Gegenüber ausüben. Ja, es gibt auch Folterszenen!

Die Bilder verstören uns. Sie stoßen uns ab und berühren uns zugleich. Das Spielzeug wird zur subtilen Weltsprache, die unsere eigenen Gedanken, Wünsche, Ängste und psychischen Zustände in einer klaustrophischen und paranoiden Welt offenlegt. Hier geht es nicht nur um die politischen Repressionen in China, hier geht es um unser aller Albträume. Die Fotografien von Liu Xia wenden sich fragend an uns selbst: Was ist in der westlichen Welt los? Wie verhält es sich mit der Versklavung, Verfolgung, Observierung und der Abwertung eines Menschenlebens durch die immer unmenschlichere Wirtschaft, die Hightech-Industrie, die Politik? Wie weit ist es mit uns?

Liu Xia. Eine Fotografin aus China, Berliner Festspiele, Martin-Gropius-Bau Berlin, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin, 4/3 €, Mi-Mo 10:00–19:00 Uhr, bis 19.04.2015

Liu Xia auf Berlin-Woman

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