Ein Ausstellungsbesuch bei Vivian Maier, Street Photographer. Willy Brandt-Haus

Willy Brandt-Haus, Berlin-Kreuzberg

Vivian Maier auf Berlin-Woman

Was geschieht normalerweise mit alten, unentwickelten Filmrollen? Sie fliegen auf den Müll. Nicht so im Fall von Vivian Maier (01.02.1926-21.04.2009), einem Kindermädchen aus Chicago. Ihre an die 150.000 Aufnahmen wurden aufgekauft, entwickelt, publiziert und als herausragende Position der Geschichte der Stadt- und Straßenfotografie gefeiert. Nun zeigt das Willy-Brandt-Haus eine Ausstellung mit 120 Werken der Fotografin:

 

Eine große, ernste Frau mit einem Hut und der doppeläugigen Rolleiflex. Vivian Maier hat viele Selbstportraits gemacht: in Spiegeln, in Schaufenstern, als Schatten. Und davon sehr wenige gesehen. Denn die meisten ihrer Filmrollen blieben unentwickelt, in Kisten verstaut und vergessen. Offenbar waren dem Kindermädchen aus Chicago die fertigen Bilder nicht wichtig. Um so erstaunlicher ist ihr fotografischer Blick, mit dem sie Straßenszenen und Portraits festhielt. Da sind die eleganten Ladys in Pelz mit Schmetterlingsbrille und Perlenkette, die starke Rückenansicht einer Nanny mit zwei Kindern an der Hand, ein Tauben fütternder junger Mann, der Verkäufer vom Zeitungskiosk nebenan und das Straßenkind mit vernarbtem Engelsgesicht und einer dicken Armbanduhr.

Die Motive ziehen nicht nur in den Bann, weil sie das amerikanische Straßenleben der 1950er und 60er lebensnah wiedergeben. Sie sind auch noch perfekt komponiert. Die Figurengruppen, die Ansicht von Einzelpersonen und ihr Umraum scheinen wie nach ästhetischen Gesichtspunkten arrangiert. Vivian Maier hatte den goldenen Blick!

Und sie hatte Sinn fürs Komische, wenn sie ein Mädchen im Supermarkt in dem Moment aufnimmt, als sie die Schnur ihres Luftballons in den Mund steckt, als ein schwarzer Junge auf einem Pferd unter der Hochbahn entlang reitet oder als plötzlich alle Straßenpassanten in gelber Kleidung daherkommen. Mit der Farbfotografie gelangen der Künstlerin, und so möchte ich sie nennen, noch einmal ganz eigene Bildideen. Sie wechselte zur Leica IIIc und schoss Bilder, in denen die Farben Rot, Gelb und Weiß in der Kleidung, in Blumen oder anderen Gegenständen punktuell aufleuchten.

Was sie zu ihrer obsessiven Fotografie geführt hat, wird derzeit erforscht. Wie alles, was Vivian Maier anbetrifft. In der Ausstellung im Willy-Brandt-Haus drängen sich die Besucher/innen. Alle wollen die Vivian Maier sehen, die von ihrer fulminanten Entdeckung durch den jungen Immobilienmakler John Maloof 2007 gar nichts hatte. Sie starb 2009 verarmt, während Sammler ihre Fotopreise immer mehr in die Höhe trieben. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Vivian Maier. Street Photographer, Willy-Brandt-Haus, Stresemannstraße 28, 10963 Berlin-Kreuzberg,  Di-Fr 12:00-18:00 Uhr, Sa, So 12:00-20:00 Uhr, Eintritt frei (Ausweis erforderlich), die Ausstellung ist Karfreitag, 3.04.2015, geschlossen, an allen Osterfeiertagen von 12:00-18:00 Uhr geöffnet, bis 12.04.2015.

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