Berlin-Women: Otti Berger, Textilkünstlerin (+27.04.1944 in Auschwitz)

Berlin-Women

Bild: Otti Berger, Fotoportraits von Lucia Moholy. Bild: fembio.org
Bild: Otti Berger, Fotoportraits von Lucia Moholy. Bild: fembio.org

„Man muss den Geheimnissen des Stoffes lauschen, den Klängen der Materialien nachspüren“. Otti Berger verstand die Weberei als Forschungsarbeit. Die Bauhaus-Künstlerin gilt als richtungsweisende Textilkünstlerin des frühen 20. Jahrhunderts. Ihre Stoffmuster und Gewebemischungen waren nie dekorativ, sondern hatten eine ganz eigene innovative und experimentelle Strahlkraft. Otti Berger machte eine ungewöhnliche Künstlerinnen-Karriere, bis die Nationalsozialisten der Jüdin die Arbeitserlaubnis entzogen:

 

Otti Berger, mit bürgerlichem Namen Otilija Ester Berger (04.10.1898-27.04.1944), ist eine kroatisch-ungarische Textilkünstlerin. Sie besuchte die höhere Mädchenschule in Wien. Nachdem sie 1922-26 an der Königlichen Kunstakademie und Kunstgewerbeschule in Zagreb studiert hatte, die sie als konservativ empfand, ging sie an die innovativste Kunstschule im deutschsprachigen Raum: an das Bauhaus in Dessau.

Hier erhielt sie eine erstklassige Ausbildung. Sie besuchte den Vorkurs bei Laszló Moholy-Nagy und nahm Unterricht bei Paul Klee und Wassily Kandinsky. Dann schrieb sie sich in die Weberei-Klasse von Gunta Stölzl ein, absolvierte 1929 ein Auslandssemester an der Stockholmer Johanna Brunsson-Werkschule und machte 1930 ihre Gesellinnenprüfung. Gleich darauf wurde sie zusammen mit Anni Albers stellvertretende Leiterin der Bauhaus-Weberei. Die Ausrichtung der Werkstatt auf das Textildesign und die Entwicklung funktionaler aber hochkarätiger Industrietextilien prägte Otti Berger maßgeblich. Plakative und dekorative Entwürfe lehnte sie ab, die Ästhetik von Motiv und Gewebe sollte für sich sprechen.

1932 eröffnete Otti Berger in der Fasanenstraße in Berlin-Charlottenburg ihr eigenes Textilatelier. Das „Otti Berger – Atelier für Textilien – Stoffe für Kleidung und Wohnen – Möbel-, Vorhang-, Wandstoffe – Bodenbelag“ führte lukrative Aufträge aus, u.a. für die ADGB Gewerkschaftsschule, die Zürcher Wohnbedarf AG und die niederländische Firma De Ploeg. 1931 stattete die Designerin für den bekannten Berliner Architekten Hans Scharoun das „Haus Schminke“ in Löbau aus. Dabei stimmte sie das Design Möbelstoffe, Fenster- und Bettvorhänge komplett auf die Architektur ab.

Diese beispielhafte Karriere fand unter den Nationalsozialisten ein jähes Ende. 1936 verlor die jüdisch stämmige Künstlerin ihre Zulassung als „Musterbildnerin“. Otti Berger strebte die Auswanderung in die USA an, wo László Moholy-Nagy ihr die Leitung der Weberei am New Bauhaus in Chicago angeboten hatte. Zur Überbrückung der Wartezeit und auf der Suche nach Arbeit reiste Berger mehrere Male nach London. Doch die Erkrankung der Mutter, die erfolglose Arbeitssuche und Visumbeschaffung sowie mangelnde Sprachkenntnisse – Berger konnte kein Englisch – ließen sie nach Jugoslawien zurückkehren. Hier wurde sie 1944 mit ihrer Familie nach Auschwitz deportiert, wo Otti Berger am 27.04. umkam.

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