Körperwelten im Berliner Fernsehturm? Ein umstrittenes Projekt vor Gericht

„Körperwelten“ in Berlin-Mitte

Bild: reisenews-online.de
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3 Kartenspieler, ein Reiter und ein Liebespaar. Das wäre nicht allzu spektakulär, würde es sich bei den Personen nicht um plastinierte Leichen handeln. Die Wanderausstellung „Körperwelten“ zeigte die Plastinate bereits in 19 Städten in Deutschland. 3 Mal war sie in Berlin zu sehen. Nun will der umstrittene Initiator Gunther von Hagen eine ständige Präsentation im Sockelgebäude des Berliner Fernsehturms eröffnen. Der Bezirk Berlin-Mitte will die Ausstellung verbieten. Die gerichtliche Entscheidung am Dienstag wurde durch eine vorzeitige Presseerklärung auf frühestens Freitag verschoben. Die „Körperwelten“ werfen zahlreiche Fragen auf.

Plastinate sind dauerhafte Präparate, bei denen das Zellwasser durch Kunststoff ersetzt ist. Oberflächen und Strukturen bleiben unverändert erhalten, die Farben werden künstlich wiederhergestellt. In erster Linie dienen sie der anatomischen Ausbildung. Seit 1996 präsentiert der Anatom Gunther von Hagen nun Plastinate von Leichen in Ausstellungen, die unter dem Titel: Körperwelten zusammengefasst sind. Die Schauen zeigen die Körper in bühnenhaften, sensationsheischenden Inszenierungen. Sie lockten Mio von Besucher/innen und Schaulustige an.

Aktuell will von Hagen Plastinate von 20 Körpern und 200 Körperteilen in einer Dauerausstellung im Fernsehturm, Berlin-Mitte ausstellen. Der Bezirk hat das Museum verboten und beruft sich damit auf das Bestattungsgesetz. Leichen müssen beerdigt und dürfen nicht ausgestellt werden. Weiter wirft der Bezirk dem Projekt Sensationslust und Effekthascherei in Verbindung mit den Themen: Tod und Leichen vor. Dem halten die Anwälte von Gunther von Hagen die Wissenschaftsfreiheit und das Argument dagegen, dass es sich bei den Plastinaten nicht mehr um Leichen handeln würde. Gestern sollte über die Ausstellung gerichtlich entschieden werden, eine vorzeitig verschickte Presseerklärung durch den Bezirk-Mitte verzögert die Rechtssprechung bis mindestens Freitag.

Schon seit der Antike hat man Leichen mumifiziert oder in Wachs nachgebildet. Das diente der religiösen Würdigung bzw. der anatomischen Wissenschaft. Die plastinierten Leichen in der Ausstellung: Körperwelten wecken Sensationslust und eine unwissenschaftliche anatomische Neugierde. Dabei fällt der würdevolle Umgang mit Tod und Toten ebenso sehr unter den Tisch wie das ernsthafte medizinisch-anatomische Interesse. Die Körperwelten im Berliner Fernsehturm würden uns ein dauerhaftes Gruselkabinett in einem zentralen Berliner Baudenkmal bescheren.

Wollen wir das?

3 Gedanken zu „Körperwelten im Berliner Fernsehturm? Ein umstrittenes Projekt vor Gericht

  1. Unmöglich! Pietätlos! Wie kann man die Schwingungen des Todes gerne ansehen? Einfach pervers! Es hat meines Erachtens nichts mit Wissenschaft zu tun!

  2. Die Dauerausstellung im Fernsehturm muss unbedingt verhindert werden! Die Ausstellung von Leichen (auch wenn ihre Adern Kunststoff enthalten) ist entwürdigend und unkultiviert – insbesondere die Darstellung von absurden Szenen, z.B. Schwangere mit aufgeschlitztem Bauch, lässig auf der Seite liegend mit aufgestütztem Arm. Wenn die Ausstellung auch noch in einem bedeutenden Berliner Denkmal untergebracht wird, ist das besonders verheerend. Ich würde mich für meine Stadt und deren gleichgültige Bewohner schämen. Außerdem ist noch immer nicht geklärt, ob Gefangene aus China unter den Leichen sind, deren ‚Einwilligung‘ höchst fraglich wäre.

  3. ich finde es spannend…was an einem körper sensationsheischend ist, weiss ich nicht und wenn die menschen ihre körper tatsächlich freiwillig zur verfügung gestellt haben, scheinen sie es für sich ja hinreichend würdevoll zu finden – das müssen wir ja nicht entscheiden…da finde ich ne discounter beerdigung deutlich würdeloser! Und es regt sich auch keiner über die entstellten embryonen im medizin-historischen museum auf, die zur langen nacht der museen von tausenden angeglotzt werden…tote oder entstellte körper üben nunmal eine morbide faszination aus – wieso sollen wir so tun als wäre das nicht so? Finde aber auch, dass jeder selbst entscheiden sollte, ob er es sehen will – insofern ist das fernsehturmgebäude vielleicht nicht ideal…

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