Showdown um Schuld & Sühne. Berlin-WoMan besucht „die Anarchistin“ im Berliner Ensemble

„die Anarchistin“ im Berliner Ensemble

Bild: Programmheft "die Anarchistin", Residenztheater, München
Bild: Programmheft „die Anarchistin“, Residenztheater, München

Grellweißes Licht. Ein Verhörraum mit Schreibtisch, Akten und Telefon. Die politische Aktivistin und kaltblütige Polizisten-Mörderin Cathy (Cornelia Froboess) hat nach 35 Jahren Haft ein Gnadengesuch gestellt. Sie trifft auf die Justizbeamtin Ann (Sibylle Canonica), die die Gesinnung der Terroristin prüfen soll. Kann ein Mensch sich ändern? Gebannt verfolgten Carola Muysers und Sandra Y. Mueller die Dialoge des 2Frauenstücks „die Anarchistin“ von David Mamet im Berliner Ensemble.

 

Wo blieb die schwarz-vermummte Antifa aus Kreuzberg? Das Publikum des Gastspiels am 28.11.2014 im BE wirkte so gar nicht anarchistisch. Offensichtlich kamen einige Besucher/innen nicht wegen des sperrigen Themas, sondern wegen Cornelia Froboess (Pack die Badehose ein, der 1. Sommerhit von 1951). In grüner Gefangenenkluft, leicht gebeugt und scheinbar abgeklärt überzeugte die 71-jährige Schauspielerin in der Rolle der Terroristin Cathy. Und fand einen nicht minder eindrucksvollen Gegenpart in der Justizbeamtin Ann, gespielt von Sibylle Canonica. Die Staatsdienerin im strengen Kostüm zeigte anfangs Haltung und Contenance, um diese mit Fortdauer des sprachlichen Duells zu verlieren und wieder zu erringen.

Die jüdisch stämmige Cathy ist im Gefängnis zum Katholizismus übergetreten. Aber glaubt sie wirklich, bereut sie ihre Mordtaten, respektiert sie den heutigen Staat? Das Verhör entwickelt sich zu einem religiösen, staatstheoretischen und philosophischen Schlagabtausch, bei dem die Rollen verschwimmen, ja wechseln. Die Täterin Cathy wird zur Richterin, die Anklägerin Ann zur Repräsentantin eines sich auflösenden Staates. „Das Land liegt im Sterben?“ fragt Ann. „Und die liederlichen Kinder zanken sich ums Testament“, konstatiert Cathy.

Das Stück weckt ganz unterschiedliche Assoziationen. Man erinnert sich an die Diskussionen um die Begnadigung der RAF-Terrorist/innen. Man stellt sich eine Szene mit Angela Merkel vor, die „dem Volk“ begegnet und von ihm zur Rechenschaft gezogen wird. Und man denkt an die mittelalterliche Inquisition, als Ann Cathy zum Niederknien und gemeinsamen Gebet auffordert, um deren Glaubensfestigkeit zu prüfen.

Cathy verweigert sich. In der letzten Szene sitzt sie allein im Lichtkegel in der Mitte der Bühne. Vorhang!

David Mamet, Die Anarchistin, Cornelia Froboess (Cathy), Sibylle Canonica (Ann). Regie: Martin Kusej. Bühne: Stefan Heyne. Kostüme: Sabine Volz. BERLINER ENSEMBLE, Bertolt-Brecht-Platz 10117 Berlin, nächste Aufführung: 21.12.2014

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