World-Women: Das Meretlein

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Laura Jurt, Illustration zu Gottfried Keller, das Meretlein, Bild: www.weibblick.com
Laura Jurt, Illustration zu Gottfried Keller, das Meretlein, Bild: www.weibblick.com

Anlässlich der aktuellen Meret Oppenheim-Ausstellung klären wir über die Herkunft des Namens der großen Künstlerin auf. Das Meretlein ist eine Figur im Künstlerroman „Der grüne Heinrich“ von Gottfried Keller aus dem Jahr 1879/80. Der Roman  handelt vom Scheitern Heinrichs, seinen verfehlten Liebesgeschichten und seiner abgebrochenen Kunstkarriere. Auf seiner Wanderschaft durch Deutschland und die Schweiz erfährt der Maler von der sagenhaften Geschichte des Meretlein, dem Sinnbild für unseren freien, kreativen Geist. Hütet ihn gut!

Heinrich entdeckt auf einem Dorfkirchhof eine kleine Steintafel mit einem Wappen und der Jahreszahl 1713. Von den Dorfbewohnern erfährt er die fabelgleiche Geschichte des dort begrabenen Mädchens, das alles Religiöse abwehrte und deshalb einem bösartigen und emotional abgestumpften Geistlichen zur Erziehung übergeben wurde. Heinrich sieht auch ein Ölgemälde, auf dem ihm ein etwa 7jähriges bildschönes, zartblondes Mädchen in einem blaßblauen Damastkleid mit einem goldenen Gürtel, einer Krone aus Gold- und Silberflitter mit Perlen und Schnüren durchflochten und einem Totenschädel in der Hand entgegenblickt. Vergeblich hatten die Dorfbewohner versucht, das schöne Kind dem Pfarrer zu entreißen. Der schlug das Mädchen, sperrte es ein, hungerte es aus und kleidete es in Sack und Asche. Wann immer es ihm gelang, riß Meretlein aus, spielte mit den Dorfkindern, schwamm und sonnte sich nackt, ernährte sich von Waldfrüchten und schuf sich ihr temporäres kleines Paradies. Erpicht auf das Pflegehonorar ihrer wohlhabenden, adeligen Eltern fing der Pfarrer Meretlein jedoch immer wieder ein. Seine Maßregelungen wurden schlimmer und schlimmer und führten schließlich zum Tod des Kindes. Auf der Beerdigung hörte die Gesellschaft einen Schrei aus dem Sarg, das lebendige Meretlein sprang heraus, rannte über den Kirchhof ins Dorf, wo sich ihm die Kinder anschlossen und fiel unter einer Buche tot um. Die Kinder versammelten sich, streichelten und liebkosten es. Der Pfarrer hatte den Verlauf seiner Misshandlungen akribisch in einem Bericht festgehalten, den Gottfried Keller zitiert. Das Meretlein verblieb im Gedächtnis  als diejenige, die Fische und andere Tiere bannen und alle Menschen um sich herum verliebt machen konnte. Es ist eine Künstlerin!

Das Hexenkind, in: Gottfried Keller, der grüne Heinrich, 1879/80

Bild: Gottfried Keller, Meretlein, Bearbeitet von Bruno Blume, Illustrationen von Laura Jurt, ISBN 978-3-7269-0617-7, 38 Seiten, 6 Euro, SJW Nr. 2415 Schweizerisches Jugendschriftenwerk

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