WE mit Berlin-Woman: Simone de Beauvoir in Berlin-Frohnau

die blaue Stunde

Bild: www.hf.uio.no
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Berlin-Frohnau liegt im Norden Berlins. Der Bezirk entstand 1910 nach dem Modell einer englischen Gartenstadt im Jugendstil. Die Architekten waren Gustav Hart und Alfred Lesser. 1945-1990 gehörte Berlin-Frohnau zum französischen Sektor. Sehr originell ist die Doppelplatzanlage mit schönen Läden und Cafés. 1948 statteten Simone de Beauvoir und Jean Paul Sartre Berlin einen Besuch ab und wohnten im französisch verwalteten Frohnau. Eine Fahrradtour von Berlin-Tegel durch den Tegeler Forst oder ein Ausflug mit der S1 auf den Spuren von Simone lohnt sich!

Januar 1948 reisten Simone de Beauvoir und Jean Paul Sartre nach Berlin, um das Theaterstück Die Fliegen vorzustellen. Das Paar traf französische und amerikanische Alliierte, erhielt feudale Einladungen und bewohnte ein französisches Hotel im schönen, 25 km entfernten Stadtteil Berlin-Frohnau. Das genügte dem berühmten Paar nicht, es suchte den Einblick in den Alltag der kriegsgebeutelten Berliner/innen. Simone hielt die gewonnenen Eindrücke in Briefen an ihren Geliebten Nelson Algren fest: „Es ist interessant in Berlin, wie leidenschaftlich gern die Leute ins Theater und ins Kino gehen, nicht nur zum Vergnügen und um zu vergessen, sondern um eine Antwort auf ihre Probleme zu finden. Auf dem Kurfürstendamm stehen sie von früh bis spät Schlange, um Theaterkarten zu bekommen. Sartres Fliegen hat sie ungeheuer interessiert; das Stück wurde während der deutschen Besatzung geschrieben und sein allgemeiner Sinn läßt sich so zusammenfassen: Wenn man sich selbst in die Nesseln gesetzt hat, soll man sich deshalb keine Gewissensbisse machen, sondern versuchen, zu handeln und es besser zu machen (31.01.1948) … Das Viertel um den Alexanderplatz war immer sehr arm, aber jetzt ist es zwischen den zerbröckelnden Ziegelsteinen, den ausgehöhlten Häusern, dem herausgerissenen Schrott, dem Schlamm und Mörtel ebenso entsetzlich wie West Madison an einem regnerischen Tag für die Obdachlosen. Die Gesichter der Menschen sind bleich vor Hunger; viele humpeln, sind Krüppel, haben während der Luftangriffe einen Arm, ein Bein verloren; sie haben fast nichts zum Anziehen und lesen in den Straßen Holzspäne auf, sie tragen immer irgend etwas auf dem Rücken, in Rucksäcken, oder schieben kleine Karren vor sich her … der große Park, Tiergarten, ohne Bäume: die Leute haben im Winter die Bäume gefällt, um Brennholz zu haben, und jetzt haben sie dort kleine Gärten, in denen Rüben und Kartoffeln angebaut werden; der Park wird nicht mehr Tiergarten, sondern Gemüsegarten genannt (01.02.1948).“

(Simone de Beauvoir, eine transatlantische Liebe“. Briefe an Nelson Algren 1947-1964, Hamburg 1999, S. 221-224)

Fahrradtour: Alt-Tegel am Ufer des Tegeler Sees entlang,  über die Tegeler Hafenbrücke, Tegelort, Konradshöhe, Heiligensee über die rote Chaussee durch den Tegeler Forst nach Frohnau, dort Kaffe & Kuchen im Piccadilly.

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