WE mit Berlin-Woman: Eros & Anteros oder die Knastbraut

die blaue Stunde

Eros und Anteros, Bild: www.maicar.com
Eros und Anteros, Relief in Naples. J. Centerwall, 1897, Bild: www.maicar.com

Schon wieder Regen. Dabei wollten wir doch mit dem Fahrrad raus. Na gut, dann bleiben wir zuhause, machen es uns gemütlich und tun das, was unter der Woche oft zu kurz kommt: Lesen und Lieben. Eros und Anteros sind die Liebe und Gegenliebe, die die alten Griechen erfanden, um einem der wichtigsten menschlichen Grundgefühle einen Namen zu geben. Die beiden Gespielen, Eros und Anteros, waren glücklich, wenn sie zusammen sein konnten und traurig, wenn sie sich trennen mussten. So einfach ist das! In der heutigen „blauen Stunde“ gibt es eine Kurzgeschichte zum Thema. Ich habe sie vor einiger Zeit selbst erlebt und aufgeschrieben. Viel Vergnügen.

Ein anstrengender Tag mit vielen Terminen, und jetzt noch Salonabend in Berlin-Moabit. Ich fahre mit dem Rad dorthin, in der Hoffnung, dass ich mich entspanne. Klappt aber nicht. Da kommt ein kleiner Park. Ich halte an und suche mir eine Bank. Einfach nur sitzen und ins Grüne schauen. An das Leben und die Liebe denken. Momentan sehe ich ständig Liebespaare, die vorwurfsvoll in mein Blickfeld rücken. Eins küßte sich direkt auf dem Gehweg vor dem Holocaust-Denkmal, ein anderes saß auf einer Bank hinterm Bahnhof Friedrichstraße, sie hatte den Kopf hingebungsvoll in seinen Schoß gelegt. In einem Restaurant streichelte ein junger Typ seiner Angebeteten zärtlich übers Haar. Das ist alles so weit weg von mir. Ich bin müde. Weiter hinten hockt jemand auf einer Bank. Hat einen großen Hund dabei. Könnte ein komischer Typ sein, weshalb ich in ausreichender Entfernung Platz nehme. Der Hund kommt gleich schwanzwedelnd angerannt. Ist ein hübsches Tier mit gepflegtem honigfarbenem Fell. Ich nehme die Person genauer ins Visier. Eine junge Frau mit langem Haar und roter Jacke. Führt wohl ihren Hund Gassi. Auch sie schaut intensiv zu mir rüber. Plötzlich macht sie eine weit ausholende Geste Richtung Straße. Wirft eine Kusshand. Da ist aber niemand. Ach, wieder nur eine der vielen Verrückten in Berlin. Plötzlich stellt sie sich auf die Bank. Ich höre eine Männerstimme rufen. Einen Namen, ganz laut und wie ins Leere hinein. Sie ruft zurück. Was ist da denn los? Erst jetzt sehe ich auf der anderen Straßenseite die hohe Mauer, die Tür mit der Riesenaufschrift: Pforte VIII und einige große Gebäude dahinter. Der Moabiter Knast, auf Amtsdeutsch: die Justizvollzugsanstalt Moabit. Das Mädchen winkt jetzt mit beiden Armen wie ein Fluglotse und schickt mit den Händen Küsse hinterher. Ihre Gesten sind sehnsuchtsvoll und ein bißchen verloren. Vielleicht kann er sie ja gar nicht sehen, vielleicht sitzt er die nächsten 20 Jahre ein, vielleicht wird er verlegt … Sie kann nicht zu ihm, aber sie ist da, selbst ihr Hund guckt gebannt in seine Richtung. Das ist das 4. Liebespaar an diesem Tag. Und endlich eins, das mich berührt. Womöglich hält mich die Frau auch für eine Knastbraut. Das gefällt mir. Und mit einem Mal bin ich entspannt, meine Akkus wieder aufgeladen. Wie von selbst radel ich zu meinem letzten Termin an diesem Tag.

(Berlin, Sommer 2009)

 

©Berlin-Woman

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