WE mit Berlin-Woman: „Rosen für Fanny Mendelssohn“ von Mascha Blankenburg, Teil 3

die blaue Stunde

Bild: www.mascha-blankenburg.de
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Seit 2009 kenne ich die Dirigentin, Komponistin, Musikerin und Autorin Mascha Blankenburg. Sie wurde mir eine liebe Kollegin und Freundin. Ganz besonders faszinierten mich ihre vielen Talenten, die wunderbar ineinander spielten. Mascha gab mir den entscheidenden Impuls, meine Agentur „Bees & Butterflies“ für vielseitig begabte und tätige Kreative wie sie, zu gründen. 2012 planten wir, einen ihrer Texte als Serie in der blauen Stunde von Berlin-Woman zu posten. Es kam nicht mehr dazu. In memoriam und auf ihren persönlichen Wunsch hin bringen wir nun ihr Essay „Rosen für Fanny Mendelssohn“ aus der Anthologie „Ein Traum von Musik“. Unser Dank geht an Elke Heidenreich, die den Poste genehmigt hat.

Teil 3: Im Mai 1982 war ich nach Berlin gefahren. Bei meiner Suche nach Komponistinnen aus der Vergangenheit hatte ich entdeckt, dass im Mendelssohn-Archiv der Preußischen Staatsbibliothek Chor- und Orchesterwerke von Fanny Mendelssohn, Felix´älterer Schwester, den Dornröschenschlaf schlummerten. Der Archivleiter sah mich verwundert an, als ich ihm meinen Bestellzettel vorlegte: Fanny Mendelssohn MA.Ms.39. Fanny? Bisher kamen Musikwissenschaftler und Musiker, um die Autografen von Felix anzusehen! Es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis er mir das unscheinbare Notenheft im Querformat auf den Tisch legte: Es war mit Oratorium überschrieben und umfasste 78 Seiten. Aus der Datierung konnte ich sehen, dass das Werk vom 9.10. bis 20.11.1831, also in ca 6 Wochen komponiert worden war. Mit Anspannung und Erregung schlug ich die erste Seite auf. Ihre Handschrift! Wie ähnlich war sie der des Bruders! Zum Verwechseln ähnlich. Diese Sechszehntelunruhe am Anfang der Ouvertüre! Ich nahm nichts mehr um mich herum wahr. In mir sang und klang es, und ab und zu sang ich laut mit, verfiel dann wieder in Stummheit, Bewunderung, Stille. Erst als man mir sagte, dass die Bibliothek nun schließe, verabschiedete ich mich von Fannys Handschrift. Aufgeregt lief ich durch die Berliner Straßen. Ihre Musik verfolgte mich. Wie würde ich das Tempo der Ouvertüre nehmen? Welchem Sänger sollte ich die rasante, technisch anspruchsvolle Tenorarie übertragen? Wie würde mein Chor auf Fannys Musik reagieren? Ja, es stand fest. Ich würde dies Oratorium in Köln zur Uraufführung bringen. Der Eingangschor „Wehe, Weh, es ist geschehn!“ bestimmte ungeduldig das Tempo meiner Schritte, die ich so gerne in die Leipziger Str. 3 gelenkt hätte, in Fannys „Gartenhaus“, wo sie gelebt hatte und zu ihren Sonntagsmusiken einlud. Aber damals stand sie noch abweisend und hässlich: die Berliner Mauer.

Fortsetzung folgt

Was bisher geschah

Elke Mascha Blankenburg, Rosen für Fanny Mendelssohn, in: Elke Heidenreich (Hg.), Ein Traum von Musik. 46 Liebeserklärungen, Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann, München 2010, S.43-51

 

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