Ostern mit Berlin-Woman: Rosen für Fanny Mendelssohn (Teil 2), von Mascha Blankenburg

die blaue Stunde

Fanny Hensel, Autograph
Fanny Hensel Autograph: Sehnsucht nach Italien, Stabi Berlin, Musikarchiv, Bild: mugi.hfmt-hamburg.de

2009 lernte ich die Dirigentin Mascha Blankenburg kennen. Sie schrieb gerade an einem Libretto über die Bildhauerin Camille Claudel und an ihrer Autobiographie. Mascha gab mir den entscheidenden Impuls, meine Agentur „Bees & Butterflies“ für Kreative wie sie zu gründen. 2012 wollten wir einen ihrer Texte in Serie auf Berlin-Woman posten. Es kam nicht mehr dazu. Nun bringen wir „in memoriam“ und auf ihren persönlichen Wunsch hin das Essay „Rosen für Fanny Mendelssohn“ aus der Anthologie „Ein Traum von Musik“. Unser Dank geht an Elke Heidenreich, die den Poste des Textes genehmigt hat.:

Teil 2: Die Transkritption stellte mich an verschiedenen Stellen vor Entscheidungen, denn in ihrer Erstschrift hatte sie oft verbessert, die Tinte mit einer Klinge ausgekratzt oder eine Note, einen Akkord durchgestrichen und mehrfach andere Lösungen notiert. Und natürlich gab es auch Flüchtigkeitsfehler. Bei Fanny Mendelssohns eigenwilliger, unkonventioneller, für die damalige Zeit oft grenzüberschreitender Kompositionsweise waren manchmal verschiedene Lösungen möglich. Ich konnte stundenlang darüber grübeln. Damals, im Dezember 1831 beim Musizieren in der Familie, wird man über solche Stellen aus der Praxis heraus entschieden haben: Beim Familienfest zum 55. Geburtstag ihres Vaters hat sie das Werk für ihn aufgeführt. Komponieren für den Hausgebrauch. Das hatte man ihr zur Bestimmung gemacht. Vater Abraham schrieb der 15Jährigen zur Konfirmation: „Die Musik wird für Felix vielleicht Beruf, während sie für Dich nur Zierde, niemals Grundbass Deines Seins und Tuns werden kann und soll. Beharre in dieser Gesinnung und in diesem Betragen, denn das ist weiblich, und nur das Weibliche ziert die Frauen.“ Anlässlich ihres 23. Geburtstages wird Fanny von ihrem Vater erneut ermahnt: „Du musst Dich mehr zusammennehmen, mehr sammeln, Du musst Dich ernster und emsiger zu Deinem eigentlichen Beruf, zum einzigen Beruf eines Mädchens, zur Hausfrau bilden.“ So erklang ihre „Choleramusik“, wie sie das Werk oft nannte, da sie es zum Gedenken an die Opfer der Choleraepidemie 1831 in Berlin geschrieben hatte, also zu einem privaten Familienfest. Sie hatte das Werk nicht als Reinschrift für den Druck vorbereitet. Das hat sie mir überlassen. Welch ein Glück! Ich liebte diese Nächte! Wie sehr unterschied sich diese verschmelzende Annäherung an eine Komposition von dem üblichen Weg, dem Kauf einer Partitur in einem Musikgeschäft! Von Nacht zu Nacht wurde es mehr und mehr mein eigenes Werk.

Fortsetzung folgt

Teil 1

Elke Mascha Blankenburg, Rosen für Fanny Mendelssohn, in: Elke Heidenreich (Hg.), Ein Traum von Musik. 46 Liebeserklärungen, Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann, München 2010, S.43-51

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.