WE mit Berlin-Woman: der kirgisische Brautraub, ein „Leserbrief“ an den TAGESSPIEGEL

die blaue Stunde

Kirgisische Pantoffeln

Der Brautraub, so schrieb der TAGESSPIEGEL ist eine weit verbreitete (Un)Sitte in Kirgisien. Frauen würden auf offener Straße entführt und zur Ehe gezwungen. 50% der Ehen kämen so zustande. Das hat die Berlin-Woman Bloggerin Sa-Beene überprüft. Sie schickte den Artikel ihrem Freund, der gerade für 1 Jahr in Kirgisien tätig ist. Die Antwort, die er zusammen mit seiner kirgisischen Kollegin formuliert hat, vermittelt eine etwas andere Sicht auf den „Brautklau“:

… den Artikel habe ich im Internet gelesen. Gleich überkam mich ein komisches Gefühl. Die Beispiele der Frauen geben ein sehr subjektives Bild ab. Ich habe den Artikel meiner kirgisischen Kollegin gegeben und sie gefragt, was sie davon hält. Sie sagt, dass er sehr einseitig ist und ein Bild von einem Land zeichnet, das stark in Richtung Exotik geht. Dass Kirgisien im Umgang der Geschlechter miteinander das freieste Land in ganz Zentralasien ist, fällt völlig unter den Tisch. Es bleibt der Eindruck von seltsamen, furchtbaren Sitten, Igittt was machen die denn da. Das, was der Artikel übermittelt, stimmt so nicht. Auch ist er nicht konstruktiv, sondern auf Sensationslust und Unterhaltung der westlichen Leser/innen ausgelegt. Leider auf falsche Art greift er ein richtiges Problem auf. Einige Informationen zum Brautraub waren auch für die Kollegin neu, so z.B. dass er vor den 1950er Jahren kaum gebräuchlich war und er in den Nachbarländern immer noch nicht verbreitet ist. Der Brautraub ist Symptom des Armutsproblems, das die Tradition zerstört. Und natürlich propagiert er eine pervertierte untergeordnete Frauenrolle. Noch ein Aspekt geht im Artikel unter: dass der verabredete Brautraub auch und wohl häufig die Möglichkeit bietet, gegen den Willen der Eltern der Frau zu heiraten.

Geraubte Braut, DER TAGESSPIEGEL vom 24.06.2012

5 Gedanken zu „WE mit Berlin-Woman: der kirgisische Brautraub, ein „Leserbrief“ an den TAGESSPIEGEL

  1. Brautraub war und ist die Folge der Armut u.a. auch in Kirgisistan. Junge Männer sind „gezwungen“ auf so eine Art zu heiraten, weil es ihnen schlichtweg das nötige „Kleingeld“ für Heirat fehlt. Junge Frauen sind gezwungen bei den Räubermännern zu bleiben, weil ihre Eltern froh sind, sie loszuwerden. Sie müssten ja dann nicht mehr für ihre Tochter sorgen und finanziell aufkommen. Beim Brautraub ging es stets ums Brautgeld/Aussteuer bzw. Mitgift und nicht um Romantik. Ich kann sogar als Kirgisin nicht mehr hören, wenn es ständig suggeriert wird, dass es dabei um Romantik oder Tradition geht.

    Zur sog. Tradition: Früher, wenn man eine kirgisische Frau entführt hatte, wurde dafür eine blutige Rache ausgeübt. Man hat sogar dafür den ganzen Stamm des Mannes ausgelöscht, wenn der Stamm den Entführer nicht „herausgerückt“ hatte. Es wurde nicht nur als feiger Tat, sondern auch als Entehrung der ganzen Familie oder gar des ganzen Stammes angesehen. Es gibt sogar ein Sprichwort im Kirgisischen: „Das Haar des Mädchens (der jungen Frau) ist heilig“. Demzufolge wurden junge Frauen von Nomaden-Kirgisen als gleichwertiges und schützenswertes Mitglied der Gemeinschaft betrachtet. Dass die Frauen nicht als bloße häusliche Inventare angesehen wurden, belegt die kirgisische Geschichte: Kurmandschan Datka (Königin Alajs), Kanikej (Ehefrau von Manas), Kyz Sajkal (kirgisischen Janne d’Arc), Urkuja Saliewa (18-jährige Vorsitzende des Dorfrates, kämpft für Modernisierung Landes), Roza Otunbaewa (erste weibliche Präsidentin Kirgisistans und in der gesamten Zentralasien) etc. Kirgisische Heiligen waren hauptsächlich Frauen wie „Umaj-ene“ – „weibliche Gottheit, Beschützerin der Mütter und Kinder“, „Bugu-ene“ – „Mutter-Hirsch“ (laut Legende rettete ein Hirschweibchen das kirgisische Volk bzw. Kind), oder „Ot-ene“- „Mutter-Feuer“. Sogar die Etymologie des Namens „Kirgise“ geht auf „kyrk“- „vierzig“, „kyz“ – „ junge Frauen“ zurück. Die kirgisischen Frauen waren immer starke und selbstbewusste Frauen, strebten stets nach Bildung und Freiheit. Der berühmte kirgisische Schriftsteller Aitmatow schrieb viel über starke und stolze Frauen wie Jamila, Aselj, Tolgonaj… Er beschrieb in seinen Romanen das wahre Wesen der kirgisischen Frauen.
    Mit dem Aufkommen und Verbreitung des Islams (nach dem Zerfall der Sowjetunion) geht langsam dieser Wissendurst und Streben nach Selbstbestimmung und Freiheit verloren. Viele Frauen in Kirgisistan sehen zwar äußerlich sehr modern aus, aber nicht selbstbewusst genug. Sie fügen sich schnell der männlichen Dominanz und der vorhandenen Umgebung/Ordnung ein. Mich schockiert sogar, dass manche Frauen sich mittlerweile in Hidjabs freiwillig vermummen. Eine Kirgisin versteckte nie ihr Gesicht. Wir vergessen langsam unsere tatsächliche Tradition und bezeichnen das, was zu unserer Tradition nie gehörte, als „unsere Tradition“.

    Zur sog. Romantik: Der Brautraub ist keine Romantik, sondern eine Handlung aus Verzweiflung. Viele Eltern suchen selbt den erwachsenen Kindern ihre zukünftigen Ehepartner aus. Sie werden sogar als Babys von ihren Eltern verlobt. Viele junge Menschen tun das, was ihnen die Eltern sagen und von ihnen erwarten. Sie begehren nicht gegen Eltern auf, weil die kirgisische Gesellschaft immer noch wie früher hierarchisch aufgebaut ist. Man sagt den Eltern nicht, was man denkt, was man tun möchte und man weist nicht auf deren Fehler hin. Weil den Kindern ständig suggeriert wird: „Die Eltern wissen, was für das eigene Kind das Beste ist.“ Oder: „Die Eltern haben immer recht.“ Wenn die Erwartungen der Eltern von ihren Kindern enttäuscht werden, wird es von der Gemeinschaft als Schande angesehen. So hauen meiste Frauen mit einem vermeintlich besseren ab. Dies betrifft auch Männer.
    Auch Männer sind Opfer. Sie entführen Frauen, wenn ihnen die Eltern sagen, dass sie Schwiegertochter brauchen, die den Haushalt führen müsste. Sie heiraten, wenn die Verwandtschaft und Freunde sie ständig unter Druck setzen. Sie entführen Frauen, weil sie keine anderen Perspektiven haben. Keine Perspektive, raub Dir eine Frau! Die Katze beißt sich in den Schwanz!
    Ebenso heiraten manche Frauen ihren Entführer, weil sie entweder abergläubisch sind und haben Angst von einer alten Frau, die sich vor der Tür hinlegt und droht sie zu verfluchen (Einfluss des Schamanismus). Oder kommen sie aus einer sozial benachteiligten Familie und sehen keinen anderen Ausweg. Und letztlich setzt die ganze Gesellschaft Frauen und Männer unter Druck, wenn sie „im gebärfähigen Alter bzw. im besten Kinderzeugungsalter“ sind. Mittlerweile wurde dieses Alter ziemlich herabgestuft. Die Frauen in ländlichen Gebieten werden sogar mit 15-16 verheiratet. Der Staat schweigt, Mullah gibt sein Segen, obwohl der Raubheirat auch laut Islam verpönt ist. Somit erhalten Frauen keinen Schutz weder von Eltern, noch von den staatlichen Strukturen, noch von Religion.

    Kurzum: Frauen müssen ihren Partner heiraten, wenn sie Sex mit ihnen vor der Ehe haben/hatten. Sie inszenieren gemeinsam eine Entführung, d.h. Frau geht freiwillig mit, weil sie für sich kaum Chance sieht, später einen anderen zu heiraten. Frau und Mann inszenieren Brautraub, wenn die Eltern der Braut sehr viel Brautgeld verlangt haben und der Eltern des Bräutigames „sich diese Braut nicht leisten können“. Es ist anzumerken, dass auch inszenierte Entführungen stattfinden, wenn die Eltern der beiden sich nicht einigen konnten, oder gar mit der Heirat nicht einverstanden sind, weil er oder sie aus einfachen Verhältnissen entstammt. Es geht letztlich nur ums Brautgeld und Mitgift…

  2. Brautraub ist ein irreführender Begriff. Dahinter verstecken sich Vergewaltigung und Entführung, aber auch verabredete Umgehung von Heiratsverboten der Eltern oder Umgehung von hohen Kosten für Aussteuer und Hochzeitsfeiern. Ich habe den Artikel im TSP kritisiert, eben weil er die Vergewaltigungen so falsch und in die Irre führend darstellt. Schon der Begriff „Brautraub“ ist falsch – siehe den Beitrag unten – und das was der Artikel daraus gemacht hat, ist es noch mehr. Er zeigt nicht die Realität, sondern wie gesagt ein fernes Land mit schlimmen exotischen Sitten. Alle Leser des Artikels können sich gemütlich im Sessel räkeln und denken, ach wie gut, dass ich nicht in diesem schlimmen Land, sondern in Deutschland lebe. Dass das Muster von Vergewaltigungen in Deutschland dasselbe ist – Männer im Bekanntenkreis oder anderem sozialen Umfeld -, dass das männliche Machtverhalten dahinter genau dasselbe ist, (vielleicht und hoffentlich ist die Häufigkeit in Deutschland geringer), fällt unter den Tisch. Darüber hat sich meine kirgisische Kollegin beim Lesen des Artikels geärgert – über die Arroganz der westlichen Presse, die ein Land moralisch abqualifiziert ohne die wirklichen Hintergründe zu benennen und das von einer hohen Warte aus, die keinerlei Berechtigung hat.
    Ich finde dieser Artikel des TSP verharmlost das Thema, weil er es in die Exotikecke verbannt.

    Berti

    KYRGYZSTAN: RAPE TRIAL SPOTLIGHTS WOMEN’S PLIGHT
    http://www.eurasianet.org/July 12, 2012 – 1:56pm, by David Trilling
    Women in Kyrgyzstan rarely report marital rape, though statistics indicate 92 percent of rapes happen at the hands of a partner or former partner. Still, few men are charged, even when marital rape is reported. (Photo: Dean Cox.)

  3. Liebe Petra, die Situation ist zumindest vielschichtiger als der TSP schreibt.
    Wir sehen etwas und selbst bei gutem Willen bleiben wir außen vor. Das ist glaube ich ein grundlegendes Problem in der „Entwicklungszusammenarbeit“. Auch die Stimmen der Kirgisinnen sprechen aus ihrer jeweiligen Perspektive bzw. Lage. Das Dilemma bleibt, die gemeinsame Augenhöhe gibt es nicht.

  4. Ich habe über 5 Jahre in Kirgistan gelebt. Leider entspricht die Geschichte im Tagesispiegel der Wahrheit. Das 50% der Ehen auf diese Weise zustande kommen, halte ich für übertrieben. Aber sicherlich heiraten 50% der Mädchen nicht freiwillig, da oftmals die Eltern bestimmen, wann und wen die Tochter zu heiraten hat.
    Ich habe viel mit Jugendlichen gearbeitet und ich weiß, dass sie glauben, es sei eine Tradition und gehöre zu ihrer Kultur, geraubt zu werden. Sie sind in den 90er Jahren geboren und haben keine Ahnung, woher diese „Tradition“ kommt. Die Kinder werden zu absolutem Gehorsam erzogen gegenüber Eltern, Erziehern und der Staatsmacht erzogen. Sie nehmen Bestrafungen und Weisungen widerspruchslos an.
    Natürlich gibt es auch Paare, die sich absprechen, weil sie „Brautraub“ romantisch finden. In Bischkek sind die Menschen fortschrittlicher und ich kann verstehen, dass Saules Eltern der Ehe nicht zugestimmt haben. Ein Grund ist auch, dass sie mit ihrer Tochter in die Anonymität der Hauptstadt zurückkehren konnten. Auf dem Land bleibt den Eltern nichts anderes übrig, als ihre Tochter diesem Schicksal zu überlassen, da sie die Schande nicht ertragen würden.
    In ländlichen Gebieten hat der Brautraub erschreckend zugenommen! Es kommt nicht selten vor, dass ein Mädchen sich umbringt oder beim „Raub“ zu Tode kommt. Wenn ein Mädchen dann verheiratet ist, ist sie Sklavin ihrer Schwiegermutter. Sie hat vom Morgengrauen bis spät in die Nacht zu arbeiten und sie muss ein Kopftuch tragen!
    Der Kommentar des Kollegen aus Bischkek macht mich fassungslos. Es kann nur so sein, dass es der einheimischen Kollegin peinlich war. Ich kenne beide. Er muss sich auf die Meinung der Kirgisin verlassen, denn er ist noch nicht so lang im Land und sie ist eine fortschrittliche, emanzipierte junge Frau, die bei einer deutschen Organisation arbeitet. Frauen spielen dieses Problem runter, aus Schande!
    Die Leserzuschrift vom 24.06. von Chris99 halte ich für total bescheuert. Wenn man natürlich noch nie über seine Tischkante gesehen hat, kann man sich nicht vorstellen, dass es andere Kulturkreise gibt.

  5. Ich habe den Artikel auch gelesen und wunderte mich über die Sitte.
    Euren Artikel dazu finde ich sehr interessant, es ist immer gut, zwei Seiten zu hören bzw. zu lesen. Gerade, wenn man sich selber kein Bild machen kann.
    Grüße von Susanne

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