Berlin-Women: Zwei Marien. Zwei Initiativen. Das feministische Berlin und das frauenbewegte Krakau, Teil 5

Berlin-Women

Heute ist wieder Iwona Dadej bei uns zu Gast. Sie promoviert an der FU Berlin über die polnische und deutsche Frauenbewegung um 1900. In 6 exklusiven Berlin-Women Folgen berichtet sie über „Zwei Marien. Zwei Initiativen„:

Persönlich sind sie sich höchstwahrscheinlich nie begegnet. Sicherlich aber haben sie sich gegenseitig zur Kenntnis genommen und vermutlich auch geschätzt. Die eine Maria verbrachte ihr ganzes Leben in Berlin; die zweite Maria machte die Stadt Krakau (Kraków) in Polen zum Mittelpunkt ihres Lebens. Beide haben sich für ihre jeweilige Heimatstadt verdienstvoll eingesetzt. Was haben die beiden Marien gemeinsam, außer ihrem biblischen Namen?

5. Ein Krakauer Lesesaal mit einem frauenpolitischen Programm

Diesen Teil widme ich nun der Initiative aus Krakau, die parallel zur Berliner Bibliothek entstand. Beide Initiativen sind ein illustratives Beispiel dafür, wie sich Frauenrechtlerinnen jenseits der nationalen und staatlichen Grenzen die städtischen Räume  angeeigneten und ihre eigenen subalternen schufen. Reisen wir also nach Krakau, ins damalige Galizien, im heutigen Kleinpolen (Massopolska). „Lesesaal für Frauen“ mag bis heute trügerisch harmlos klingen. Das war nicht nur ein Ort zur Ausleihe von Romanen für gelangweilte Frauen der Elite. Vielmehr war er eine Schmiede der polnischen Frauenbewegung mit ausformulierten Agenden und Tätigkeitsbereichen. Neben dem Kampf um das Wahlrecht für Frauen, die Zulassung zum Universitätsstudium für Frauen und die Gründung der ersten Mädchengymnasien unterrichteten die Krakauer Frauenrechtlerinnen ihre Mitstreiterinnen durch ausgelesene Fachliteratur zur Frauenfrage. Der Anfang 1896 gegründete Krakauer Lesesaal war der zweite Lesesaal im gesamten Galizien (seit 1880 existierte in Lemberg ein Lesesaal für Frauen). Es folgten Gründungen in den Provinzstädten Galiziens und in den Schtetl. Im Lesesaal fand auch Gesellschaftliches und Geselliges statt. Es gab Vorträge und Diskussionen mit Wissenschaftlern der Universität Krakau oder Gastreferenten, Frauenrechtlerinnen aus ganz Polen und Europa sowie Teeabende und Gesprächsrunden für die Mitglieder. Im Mittelpunkt stand Maria Siedlecka als Vorstandsvorsitzende der Organisation. Der Krakauer Lesesaal und die dazugehörige Bibliothek der Literatur zur Frauenfrage entwickelten sich rasch: von  200 Titeln zu mehreren hundert Büchern und Zeitschriften im Jahr 1906, die in Polnisch, Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch verfasst waren. Wie in Berlin wurde der Lesesaal um 1914 ebenfalls der Stadtbibliothek eingegliedert. Fortsetzung folgt.

Iwona Dadey, FU Berlin

Iwona Dadey, WZB

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.