Zum Sonntag: Grosstadtliebe von Masha Kaléko

Die Berlin-Woman Masha Kaléko (1907-1975) dichtete und textete zwar fast ein Jahrhundert vor unserer Zeit. Sie schickte auch keine SMS, um sich von ihrem Lover zu trennen. Dennoch sind ihre Liebes-Erlebnisse im Berlin der Zwanziger Jahre von erstaunlicher Aktualität.  „Grosstadtliebe“ (Das lyrische Stenogrammheft, 1933)

Man lernt sich irgendwo ganz flüchtig kennen und gibt sich irgendwann ein Rendezvous. Ein Irgendwas, — ’s ist nicht genau zu nennen — verführt dazu, sich gar nicht mehr zu trennen. Beim zweiten Himbeereis sagt man sich „du“.

Man hat sich lieb und ahnt im Grau der Tage das Leuchten froher Abendstunden schon. Man teilt die Alltagssorgen und die Plage, man teilt die Freuden der Gehaltszulage… Das übrige besorgt das Telephon.

Man trifft sich im Gewühl der Großstadtstraßen. Zu Hause geht es nicht. Man wohnt möbliert. — Durch das Gewirr von Lärm und Autorasen, — vorbei am Klatsch der Tanten und der Basen geht man zu zweien still und unberührt.

Man küsst sich dann und wann auf stillen Bänken, — beziehungsweise auf dem Paddelboot. Erotik muß auf Sonntag sich beschränken. … Wer denkt daran, an später noch zu denken? Man spricht konkret und wird nur selten rot.

Man schenkt sich keine Rosen und Narzissen, und schickt auch keinen Pagen sich ins Haus. — Hat man genug von Weekendfahrt und Küssen, läßt mans einander durch die Reichspost wissen per Stenographenschrift ein Wörtchen: „aus“!

2 Gedanken zu „Zum Sonntag: Grosstadtliebe von Masha Kaléko

  1. Lieber Matthias, willkommen auf Berlin-Woman und schön, dass die die andere, die XX-Seite der KUnst- und Kulturwelt interessiert. Berlin-Woman glaubt, dass es mit der Liebe NIE anders war. Wir Menschen sind so, ob XX oder XY. Besuch Berlin-Woman bald wieder;-)

  2. Puhhh, wirklich ganz aktuell.

    Eine Lyrik, die Kaléko-like heute funktioniert: Plötzlich wird alles konkret, ohne rot zu werden und eine Woche später die Nachricht „Aus!- Überrascht?“

    Das Wort Liebe bleibt einem sowieso besser im Halse stecken, doch dank dieser Entdeckung durch Berlin-Woman wissen wir, dass es vor 80 Jahren nicht anders war… Das ist zwar nicht beruhigend, aber immerhin eine interessante Erkenntnis.

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