Vom Sehen und Leben. Die Retrospektive von Gertrude Sandmann

Berlin-Schöneberg

 

Erst kürzlich wurde das Werk von Gertrude Sandmann durch die Kunsthistorikerin Anna Havemann wiederentdeckt. Aktuell sind 80 Arbeiten im Haus am Kleistpark zu sehen. Sie stehen repräsentativ für den künstlerischen Werdegang einer Jüdin und XX-Liebenden, die sich mutig den Kriegsentbehrungen und der nationalsozialistischen Verfolgung entgegenstellte.

Das Werk von Gertrude Sandmann strahlt Ruhe aus. Die Stillleben, Portraits, Interieurs, Akte und Landschaften sind zeitlos, aus ihnen spricht Geradlinigkeit und Klarheit. Ein Lichtkegel und eine grüne Wasserflasche, der warme Lichtschein durch eine halbgeöffnete Tür, der „Fächer“ einer defekten Jalousie vor dem Fenster, der Winterhimmel über einer Hausruine … das sind die Motive, die die Künstlerin immer wieder faszinierten.

Die Ausstellung zeigt, wie sehr der künstlerische und der biographische Weg von Gertrude Sandmann miteinander verknüpft waren. Als XX konnte sie erst nach 1918 die Kunstakademie besuchen. Sie bildete sich privat, u.a. bei Käthe Kollwitz aus. Bis 1933 beteiligte sich die Künstlerin aktiv am Kunstgeschehen, zeitweise arbeitete sie als Modeillustratorin.  Unter den Nationalsozialisten begannen Repressionen, Gertrude Sandmann erhielt Berufsverbot. 1942 tauchte sie unter und versteckte sich bei Freunden.  Dort überlebte sie das Kriegsende.  Selbst unter den Entbehrungen arbeitete sie künstlerisch und schrieb Tagebuch. Beispiele dieser wertvollen Dokumente sind in der Ausstellung zu sehen.  Nach 1945 wurde sie rehabilitiert. Ruinenbilder und Stadtlandschaften wurden ihre Motive der Nachkriegszeit. Gertrude Sandmann stellte in Berlin und überregional aus und engagierte sich in der XX-Bewegung der 1970er Jahre, u.a. war sie Mitbegründerin der ersten lesbischen XX-Gruppe Berlin: L74. Bis zu ihrem Tod im Alter von 86 Jahren blieb sie künstlerisch und XX-politisch höchst aktiv.

Vom Sehen und Leben. Gertrude Sandmann. Retrospektive einer Künstlerin und Zeitzeugin. Haus am Kleistpark, Kunstamt Tempelhof-Schöneberg, Grunewaldstr. 6-7, 19823 Berlin, Di-So 10:00-19:00 Uhr, bis 03.04.2011, Eintritt frei

Gertrude Sandmann

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