Serienroman VIII: „Auf einen Tee und ein Buch“ – Eine Berliner Trennungsgeschichte

Der Serienroman von Berlin-Woman erscheint jedes WE. Es gibt Witziges, Beschauliches, Trauriges und Absurdes aus der „Berliner Trennungsgeschichte“:

Das heisst, sie hält den Arm fest. Für einen Moment verharren sie in dieser Stellung, wie in einem erstarrten Tangoschwenk. Der Hausdrache schreit weiter, der Mann aus dem Radialsystem drückt seinen Arm, schiebt den Kopf vor, sie spürt seine Lippen auf ihrem Gesicht. Ist das ein Kuss, soll das ein Kuss sein? Das ist kein Kuss, das ist konfus, alles ist konfus. Sie will sich fallen lassen, aber wohin, und wohinein? Arme, Lippen, Zunge, Atem … „Nein“, schreit der Hausdrache, „falsch“! Die Geschiedene dreht sich auf dem Absatz herum, sieht den Hauptbahnhof, spurtet über die Straße, in die Halle hinein, Blick auf die Abfahrtstafel, nächster Zug: Paris Nord, Ticketschalter, Geld aufs Pult geknallt, einfache Fahrt, keine Retour, schnell, schnell, da steht der Zug, hinein und Abteiltür aufgerissen: „Ist hier noch was frei“? „Ja“. Atemlos auf den Sitz fallen, der Zug fährt an, gleitet durch die Stadt, alles bekannt, Tiergarten, Charlottenburg, Bahnhof Zoo … Die Geschiedene atmet auf, lehnt sich zurück und … ist verschwunden.

Nein anders, die Erstarrung löst sich, der Hausdrachen wird leiser, die Geschiedene tritt einen Schritt zurück, zückt ihren kleinen Fotoapparat – den für alle Fälle – und knipst den Mann aus dem Radialsystem. Sie lächelt, und auch er zieht die Mundwinkel hoch. Situation gerettet. Zurück zum Café, sie schließt ihr Rad auf. „Kommst du auf einen Tee mit“, fragt er dann.  Sie überlegt, entscheidet: „Einen Tee, ja.  Aber nicht lang“. Sie schließt das Rad wieder ab, steigt ins Auto: „Auf einen Tee und ein Buch!“

Sie halten vor einem Altbau, wenigstens keiner der nach Plastik riechenden Neubauten am Spreeufer. Treppe rauf, 3. Stock, ein langezogener Flur, Küche, Wohnzimmer, Computerzimmer, Schlafzimmer.  Keine Bilder, wenig Mobiliar, ein Bücher- und ein CD-Regal. „Wohnst du hier“? Eine komische Frage, aber das hier ist doch keine Wohnung, das sieht aus wie in einem Hotel.  „Staub gewischt ist“, meldet sich der Hausdrache.  Die Geschiedene schaut ins Bücherregal, entdeckt Jonathan Franzen.   „Das Buch hast du, jetzt noch den Tee und dann gehen wir wieder“, raunt ihr der Hausdrache zu . Fortsetzung folgt …

Ein Gedanke zu „Serienroman VIII: „Auf einen Tee und ein Buch“ – Eine Berliner Trennungsgeschichte

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