„Gestatten Sie mein Fräulein“ – Erotik als Kunst auf dem Chansonabend von Evelin Förster

Berlin-Kreuzberg

Evelin Förster, Foto: E.F.

Evelin Förster trägt Krawatte. Sie wirft ihre roten Locken in den Nacken, streckt ihre roten Krallen aus, lacht laut auf. Und sie singt mit einer waschechten Chanson-Stimme, kräftig, weiblich, ein Hauch Berliner Akzent ist mit drin. Für alle, die Freitag, den 13. August erfolgreich überstanden haben, hatte die Chansonière am Samstag ein exklusives Programm parat. Im Rahmen der Ausstellung „Körpernah Akte/Nudes“ in der Berliner Galerie Tammen gab es „Erotisches zur Nacht – Etwas lüsterne Chansons und Texte von Brecht bis Wedekind“.

In Literatur, Kunst und Musik wird der Unterschied zwischen platter und anspruchsvoller Erotik, zwischen Pornografie und Ästhetik total deutlich. Nicht alles Geschriebene, Gemalte, Fotografiere und Vertonte ist gleich Akt-Kunst. Dazu gehört sehr viel mehr, und für dieses „mehr“ sorgt Evelin Förster in Begleitung des Konzertpianisten Matthias Binner. Ihre Songs und Texte stammen aus den Anfangsjahren des demokratischen Deutschlands, von 1900 bis 1935. Keck, frech, lebensfroh und emanzipiert kommen sie daher: Sie besingen die schönen Beine von Katrin, die sexuelle Hörigkeit, das Holzbein von Mutter Beinlein, die Schönheitsoperation, den Nackttanz, den Vorteil der „kleinen Liaison“, die Anziehungskraft des Mannes, den Vamp, den Seitensprung von Herrn Lehmann und die ausgediente Liebe. Die Zitate, die Evelin Förster zwischen die Lieder einstreut, sind von Weltpoeten und -philosophen. Brecht, Mühsam, Wedekind, Sokrates und Zille sprechen es aus: Man liebt die Weiber der Leiber wegen; Heiraten oder nicht heiraten, man wird es auf jeden Fall bereuen; gut sind Frauen mit Vergangenheit und Männer mit Zukunft uä.

Die 1 1/2 Stunden des toll rerchechierten Programms vergehen wie im Flug. Man verlässt das Etablissement mit der Erkenntnis, dass nicht die Erotik allein, sondern die „Verpackung“ wichtig ist. Verspieltheit, Humor, Ironie, Philosophie kurz: das Begehren, zu dem auch das „Nein-Sagen“ und der Verzicht gehören, machen die Erotik lebbar und erlebbar. Die Erotik ist ein Medium, das zwischen XXs, XYs und den 26 anderen Geschlechtern geschieht. Wer sie einfach nur konsumiert oder ignoriert, verliert, wer sie achtet und kultiviert, gewinnt. Die Akt-Kunstausstellung in der Galerie Tammen trägt zu letzterem bei. Eine Besprechung folgt auf Berlin-Woman.

Evelin Förster: tritt in der langen Nacht der Museen am 28.08.2010 mit Meine Blicken trinken Deine Augen“ – Chansons und Texte zur Ausstellung Marianne Breslauer jeweils um 20.00 / 22.00 / 24.00 Uhr in der Berlinischen Galerie auf.


Ein Gedanke zu „„Gestatten Sie mein Fräulein“ – Erotik als Kunst auf dem Chansonabend von Evelin Förster

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