Nur nicht um Frida weinen I.! Die Ausstellung von Marianne Breslauer in der Berlinischen Galerie

Berlin-Kreuzberg

A. Schwarzenbach fotografiert von Marianne Breslauer, Plakat der Ausstellung

Bubikopf, kesse Ladies, die sich am Sakrower See aalen oder auf der Straße rauchen, totschicke Bade-Suites, XXs in Männeranzügen, Reisebilder aus Israel, Italien, Ägypten, Spanien, Impressionen aus Amsterdam, Paris und Berlin. Das sind Motive der Fotografin Marianne Breslauer (1909-2001). Die aktuelle Werkschau in der Berlinischen Galerie ist eine lohnenswerte Alternative für alle, die nicht den ganzen Tag auf Einlass in die Frida-Kahlo-Ausstellung warten wollen. Also, nicht weinen, wenn´s mit Frida nicht klappt. Verbringt eure Zeit sinnvoller und kommt mit zu Marianne:

Die junge Fotografin erlernte ihr Medium im Lette-Verein, einer immer noch angesagten Berliner Ausbildungsstätte für angewandte Künste. Danach schnappte sie sich ihre kleine, handliche Kasten-Kamera und tauchte damit in ihre Szene, die Künstler/innen, Literat/innen und XX-Welt der 1920er und 30er Jahre, ein.

Sie portraitierte den Maler Oskar Kokoschka, den Surrealisten Man Ray, den Kunsthistoriker Adolf Wölfflin, den Sammler Albert Barnes, den Schriftsteller Eva-Maria Remarque und ihren Mann, den Kunsthändler Walter Feilchenfeldt. Schöne XYs mit gestriegelten Haaren, elegant-lässiger Kleidung und einem Schmelz in den Augen, den man heute suchen muß. Sie portraitierte die Autorin Annemarie Schwarzenbach, die Bohemiene Beate Frese, die Kunsthistorikerin Grete Ring und viele andere Kolleginnen und Freundinnen, mit denen sie den Life-Style hipper und emanzipierter XXs teilte. Kess, selbstbewußt, jungenhaft und androgyn sehen sie aus und so, wie Ladies aus der Queer-Szene von heute.

Überhaupt wirken Breslauers Aufnahmen von den XXs total modern. Das Girl aus der Serie „arbeitendes Mädchen“ könnte glatt heute aufgenommen worden sein. So wie sie sich ausruht, sich schminkt und ihre Klamotten herrichtet. Oder Annemarie Schwarzenbach, die mit ihrem Männerhemd, der Kurzhaarfrisur und dem trotzigen Blick eine „Butch“ sein könnte.

Leider ist das Oeuvre von Marianne Breslauer klein geblieben. Ganze 9 Jahre hat sie sich ihre Welt mit der Kamera erschlossen. Nach der Emigration in die Schweiz 1937 widmete sie sich gemeinsam mit ihrem Mann dem Kunsthandel.

Die Ausstellung verlässt man mit dem Gefühl, dass die fotografische Karriere von Marianne Breslauer nie vollendet wurde. Wie bei vielen anderen Kreativen machte der Nationalsozialismus der künstlerischen Entwicklung Breslauers ein Ende. Das Überleben und der Neuanfang im Exil wurden elementar. Um diese Lücke zu füllen, hat die Berlinische Galerie eine kluge Ausstellungs-Strategie verfolgt. Gleich neben Breslauers Werkschau sind Werkgruppen von Fotografinnen der Weimarer Republik aus der hauseigenen Sammlung zu sehen. Eine hochinteressante Präsentation, über die Berlin-Woman in den nächsten Tagen berichten wird.

Berlinische Galerie, Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur. Alte Jacobstr. 124-128, 10969 Berlin. Bis zum 0.6.09.2010. 6/3 Euro. Zur „langen Nacht der Museen“ am 28.08.2010 trägt die bekannte Chanson-Sängerin und -Forscherin Evelin Förster: Meine Blicken trinken Deine Augen“ – Chansons und Texte zur Ausstellung Marianne Breslauer, vor jeweils um 20.00 / 22.00 / 24.00 Uhr.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.