Serienroman I.: „Ich wünsche Ihnen ein schönes Leben“ – eine Berliner Trennungsgeschichte

Der Serienroman auf Berlin-Womans ist da! Ab jetzt erscheint zu jedem WE eine Episode aus der „Berliner Trennungsgeschichte“. Euch erwartet Witziges, Beschauliches, Trauriges, Schräges und Eigenwilliges. Eine Trennung in der aufregendsten Stadt der Welt, eine Trennung auf „Berlinerisch“.

Berlin-Kreuzberg, Spielplatz Baerwaldstraße

21:30 Uhr an einem heißen Julitag

„Sie sind ein Kind geworden“, sagt das dunkelhaarige Mädchen auf der Schaukel. „Ich bin immer ein Kind“, antwortet die Geschiedene. „Sie schaukeln so hoch, wie alt sind Sie“? „Rate mal“. „Hm, 7?“. „Nein, jünger“. „Dann vielleicht 67?“ „Fast. ich bin so alt wie deine Mutter, denke ich“.

Sie ist ein Zwilling, ihre Schwester ist krank. Normalerweise sind sie immer zusammen. Sie weiß nicht, was ein-eiig und zwei-eiig ist. „Die einen werden aus zwei Eiern, die anderen aus einem Ei gebrütet“, erklärt die Geschiedene. Das Mädchen schaut sie verwundert an. Ohne die Schwester fühlt sie sich halbiert. „Meine Schwester ist eine Streberin. Sie kriegt immer die besseren Noten. Ich bezahle ihr 1 Euro, damit sie meine Hausaufgaben macht. Ich komme jetzt in die 6. Klasse. Mein Lehrer sagt, ich bin besser geworden. Ich will aufs Gymnasium“.

Das Mädchen mit dem strengen Gesicht heißt nach einer berühmten libanesischen Pop-Sängerin. Ihre Mama hätte den Klingelton von einem ihrer Songs gehört, als sie geboren wurde. Aber eigentlich kommt sie aus „Palästina“. „Nein, dieses Jahr fahren wir nicht dorthin, da ist Krieg“. Ihre Freundinnen nicken: „Ja bei uns im Libanon auch“. Kriegskinder. „Wo wohnt ihr?“ „Da an der Geneisenaustraße“. Erdgeschoßwohnung, viele Kinder, viele Kissen und Gardinen, stehende Hitze, Autolärm und Abgase durchs Fenster?

Ein kleiner Junge mit verschmiertem Schokoladenmund kommt angerannt. „Wasch dir den Mund“, sagen wir. Tatsächlich geht er zum Wasserspiel und kehrt mit sauberem Gesicht zurück. „Ist das euer Bruder?“ „Nein“. „Sind das deine Schwestern?“ „Ja“. Die Mädchen gehen: „Auf Wiedersehen. Einen schönen Abend, einen schönen Sommer. Ich wünsche Ihnen ein schönes Leben“. Licht an diesem trüb-heißen Sommerabend.

„Wo wohnen Sie?“, rufen sie aus der Ferne. Die Geschiedene hebt den Kopf und schaut in den türkisfarbenen Abendhimmel. Ja, wo? „Dort“, sagt sie schließlich und sticht mit dem Finger in die Wolken. Fortsetzung folgt …


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