Fashion-Week, Tag 4. Dysfashional oder Berlin-Woman am Ende der Mode

Berlin-Tiergarten

Lindenblüten

Was tut man am letzten Tag der Berlin Fashion-Week, wenn einen das Gefühl beschleicht, so vieles, aber längst nicht alles gesehen zu haben? Wenn es zu heiß zu einem kühlen Resumé ist? Dann fährt man am besten in das „Haus der Kulturen der Welt“. Draußen lädt ein großes Wasserbecken vor der coolen 1960er Jahre Beton-Architektur zum Fußbad ein. Siesta? Nein, die Mode ruft, und drinnen findet bis zum 17.7. eine Ausstellung zum Thema statt. Auf der „DYSFASHIONAL“ zeigen Künstler/innen, Designer/innen und Modemacher/innen Installationen. Illustre Mode-Namen, wie Antonio Marras (Kenzo), Hussein Chalayan, Pierre Hardy, Hiroaki Ohyka, Kostas Murkudis (Helmut Lang), Martin Margiela und Raf Simons (Jil Sander) sind vertreten. Neugierig betreten wir den abgedunkelten Ausstellungsraum mit den beleuchteten Großobjekten. Was haben ihre „Schöpfer/innen“, die die Mode: ihr Geschäft, ihre Mechanismen, ihr Regelwerk in- und auswändig kennen, zu sagen? Wie beziehen sie künstlerisch Position? Und was für „ein Bild“ von Mode vermitteln sie uns?

Vorne an begrüßt uns eine Reihe mit Fernsehern, in denen Sequenzen und Motive mit XY-Models, YX-Fotoportraits und inszenierte XY Modeschauen zu sehen sind (Repeat von Simons). Die Boys schauen allesamt recht zart, schlank bis abgemagert und auch sonst nicht sonderlich glamourös aus. Das Fashion-Business ringt ihnen offenbar jedes Quentchen Leben ab, die Modelposen pressen in eine mechanische Monotonie.

Dahinter leuchten langgezogene Kegel aus hellem Stoff (La Orfanelle von Marras). Es sind ineinandergenähte Kleider, Unterröcke, -kleider und -hemden. Collageartig zusammengefügt bilden sie warme Lichtquellen, überdimensionale Lampen in Form von Stelen, Totems oder archaischen Skulpturen. Weitere bunte Totempfähle bilden Perrücken, die der Pariser Künstler Justin Moris und der Designer Billie Mertens für „Babylone“ übereinander gesetzt haben.

Der Film „Anaesthetics“ (Chalayan) zieht uns an. Dort bauen Helferfiguren in weißen Schutzanzügen seltsame Möbelstücke auf und wieder ab und kleiden eine schöne Frau in eine japanische Tracht, verwandelt ein Sushi-Koch einen lebendigen Fisch, den er blutig tötet, in ein hochästhetisches Sushi-Mahl und schießt ein kleines Mädchen mit einer Pistole um sich. Die Szenerien sind künstlich durchgestylt, sie spiegeln eine futuristische Welt der Melancholie, Gewalt und Agression.

Entlang an Gestellen, auf denen aufgeschlagene Bücher liegen (The Wizard of Jeanz von Ohya). Doch anstelle von Papier und Seiten entfaltet jedes Buch ein anderes Kleidungsstück: Jeans, ein buntes Top, ein Sommerkleid mit Blumenaufdruck. Gerne würde man in den Kleidern „lesen“, doch wir müssen uns mit der Oberfläche zufrieden geben. So geht es uns auch vor der 1 zu 1 Foto-Rekonstruktion des Hauses von Martin Margiela oder der Shop-Installation von Parasite, einem Zusammenschluß verschiedener aufstrebender Designer und Künstler.

Inszenierung, Zwang, Grausamkeit, Kälte und undurchdringliche Oberfläche sind die Aussagen, die die Objekte der Mode-Experten treffen. Das macht die Fashion-Welt aus, das verbirgt sich hinter ihrer schillernden und verlockend schönen Fassade. „That´s Fashion-Business“, scheinen uns die Installationen entgegen zu halten. Und es gibt kein Entrinnen, wir sind alle ein Teil davon.

Von diesem Konsenz hebt sich allein die Arbeit der Geruchs-Meisterin Sissel Tolaas ab, die auf Berlin-Woman bereits Thema war. Ihre Installation „The in Betweens“ bringt uns die Düfte der Modestädte Paris, New York, Berlin und London nahe. Sissel hat sie rekonstruiert. Was riechen wir denn da? Für Berlin sind es Wald, Abgase, Gummi und ein süßer, undefinierbarer Duft. London hat verschiedene Beerensorten, Fußschweiß und Fluß. Paris bietet Leder, Früchte, die U-Bahn, Abwasser und Pipi. Und New York riecht nach Kaufhaus, Gummi, Plastik und Norden.

Mit den City-Düften in der Nase legt sich Berlin-Woman dann doch unter einen schattigen Baum direkt vor dem HdKdW hin und schläft ein. Später beim Nachhause-Radeln dringt ihr plötzlich am Potsdamer Platz ein Geruch in die Nase. Ach das ist die Note, die Sissel für Berlin ausgewählt hat. Es ist die Lindenblüte, die süß und klebrig unsere Sinne betört. Ob mit Fashion oder ohne, Berlin, I love you. Forever and 1.000 years.

Dysfashional. Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, 10557 Berlin, Eintritt 5/3 Euro, bis 17.7.2010.

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