1 Frage – 11 XYs. Berlin-Woman im Viertelfinale der WM 2010

Deutschland-Argentinien. Bergmannstraße, Berlin-Kreuzberg. Samstag, den 3.7.2010, 16:30-18:00

Tischfußball von Mattel/Ruchon. Designmai Berlin, 2009.

„Hallo, Entschuldigung. Gucken Sie Fußball, nein? Dann darf ich Ihnen eine Frage stellen? Ich bin vom Blog ´Berlin-Woman´. Ich suche 11 Männer, die kein Fußball gucken und bereit sind zu sagen, warum sie das nicht tun“.

Berlin-Woman ermittelt wieder. Heute, am Samstag, den 3.7.2010 um 16:30 Uhr ist sie auf der Bergmann-Straße in Berlin-Kreuzberg. In den meisten Kneipen und Cafés herrscht Public Viewing. XY sitzt mit Elefantentröte, schwarz-rot-gelber Blumenkette, Bier und einem Papierhut oder Perücke vor dem Bildschirm. Er fiebert synchron, schreit, stöhnt, springt auf und haut mit der Faust auf den Tisch. Ist das schön!

Berlin-Woman will es aber doch genau wissen. Tatsächlich entdeckt sie YXs, die sich einige bis viele Meter vom nächsten Bildschirm entfernt tummeln und keine schwarz-rot-goldene Autospiegel-Manschette tragen. Diese zähe Überlebensfähigkeit macht neugierig. Tatsächlich findet Berlin-Woman 11 Exemplare, die sich bereitwillig zu Forschungszwecken zur Verfügung stellen. Es sind ganz besonder XYs, abgesehen von einem Neonazi im Hippie-Outfit, der sich als Fehlgriff entpuppt. Ansonsten, liebe Berlin-Women, schaut euch während aber im Abseits eines Deutschland-Spiels um. Da sind echt interessante XYs unterwegs.

Ede am Flohmarkt Marheineke-Platz: „Ich gucke das Fußballspiel nicht, weil die deutsche Mannschaft eine Firma ist, die Krieg betreibt. Fußball ist Krieg, und das unterstütze ich nicht“. Konsequent!

Fritjof vor einem Spezialitätenladen: „Ich schaue mir höchstens ein sehr gutes Spiel an. Das heißt nicht, dass die Deutschen schlecht spielen, sie interessieren mich aber einfach nicht so. Ich habe keinerlei Interesse an dem Sog, den ein Spiel wie jetzt ausübt. Ich bin emanzipiert und halte mich davon fern“. Individualistisch!

Michael mit Partnerin Marcella draußen vor einem Café: „Letzte Woche waren wir mit dem Rad unterwegs und haben uns die Fußball-Fans angeguckt. Heute wollten wir zu Frieda Kahlo, aber da hätten wir drei Stunden warten müssen. Da sind wir lieber hierher gefahren und trinken nun einen Kaffee. Ich gucke schon mal Fußball, weiß auch wie´s steht, aber es ist nicht wichtig“. Liebenswürdig!

Luca aus Italien vor Lidl: „Ich mag überhaupt keinen Wettkampf. Das macht Menschen zu Feinden. Man tut immer so, als wären Spaß und Gewinn immer nur für die eine Partie da. Ich finde, sie sind für alle Menschen da und dafür sollte man sich einsetzen. Deshalb habe ich auch meinen eigentlichen Job geschmissen und lerne nun Krankenpfleger. Ich bin pazifistisch eingestellt. In Amerika gibt es eine Pazifistin, die hat nur eine Zahnbürste bei sich, wandert durch das Land und verbreitet ihre Friedensbotschaft. Schau mal im Internet unter: Peace Pilgrimage“. Sendungsbewußt!

Kurt, den Mehringdamm entlang flanierend: „Ich gehe gerade spazieren und denke über meine Arbeit nach. Ich interessiere mich nicht für Fußball, meine ganzen Freunde tun das auch nicht. Der eine spielt Golf, der andere muß arbeiten. Und ich hab mir gerade ein Eis geholt, da um die Ecke in der Hagelberger Straße gibt´s das beste Eis der Stadt“. Genießerisch!

Christof mit Tochter vor einer Eisdiele an der Gneisenaustraße: „Setzen Sie sich doch zu uns. Es gibt drei Gründe, warum ich nicht Fußball gucke. Der erste ist meine Tochter, die gerade aus Düsseldorf hier ist, und der ich die Stadt zeige. Der zweite ist, dass ich Fußball schon ästhetisch finde, mich aber das Nationalistische abstößt. Das dritte ist, dass die Presse einen mit dummen Bildern und Kommentaren zukleistert, da verweigere ich mich. Ich komme aus der Eifel, bin 47 und schwerhörig“. Letzteres stimmt nun schon gar nicht, und auch sonst ist Christof echt charming!

Jandrik beim Einkaufen im Supermarkt: „Ich mag lieber Individualsport: Klettern, Fahrrad-Fahren. Mein Freundeskreis ist auch nicht so Fußball-affin. Wir treffen uns z.B. gleich im Park, trinken was und unterhalten uns. Auf der Arbeit werde ich schon mal gefragt, aber da vertrete ich meine Meinung. Letzte Woche bin ich losgezogen und habe die leeren Straßen und die Kneipen fotografiert. Ich beobachte lieber die Leute, wie sie Fußball gucken (Da fällt das 2. Tor) Schade, die Argentinier können gut spielen. Sie machen das ganz anders als die Deutschen“. Kreativ!

Christoph aus St. Maló vor einem Imbiss auf dem Mehringdamm: „Mich interessiert Fußball überhaupt nicht. Vor allem mag ich den französischen Fußball nicht. Da halte ich noch eher zu den Deutschen. Verrückt ist es, die Leute in den Bars und Kneipen zu sehen. Das schaue ich mir gerade an. Berlin ist toll, aber Paris ist schön“. Vraiment francais!

Kwadzo aus Ghana und sein Freund Michael Maria vor einem Café: „An Fußball haben wir gar kein Interesse. Die Akustik ist unerträglich, die Aggression, das Macho-Gehabe, die Homophobie stoßen uns ab. Das ist echt zu prollig“. Sensibel!

Hassan und Ali an ihrem Motorroller auf dem Mehringdamm: „Ich muß gleich zur Arbeit, Pizza-Ausfahren. Sonst würde ich gucken. Ist aber nicht so schlimm“ und: „Meine Freundin hat Geburtstag, da gehe ich gleich hin. Herzlichen Glückwunsch Esma.“ Straight!

Und danke an euch, ihr coolen XYs an diesem heißen Fußball-Samstag.

5 Gedanken zu „1 Frage – 11 XYs. Berlin-Woman im Viertelfinale der WM 2010

  1. Liebe Carola, dieses Lob war mir/uns ein Bedürfnis! Wir sind schon ganz gespannt auf den Bericht über Frida Kahlo. Wir werden den Ausstellungsbesuch -dank Ihres Hinweises- am Sonntag mittels sauteurer VIP-Tickets besuchen. Besser als drei Stunden warten müssen …

    mfg, Michael

  2. Lieber Michael, liebe Marcella, vielen Dank für das große Lob. Das freut mich und macht mich stolz. Für Leser/innen wie Sie schreibe ich noch mal so gerne. See you on the Blog, Ihre Berlin-Woman

  3. Liebe Frau Muysers —

    Ich habe mit Spannung auf Ihren Blog zum Thema „WM, und XY am Rande des Nervenzusammenbruchs“ gewartet und möchte Ihnen mein uneingeschränktes Lob ob Ihres Beitrags zukommen lassen. Meine Frau Marcella und ich haben ihn mit Freuden und einem kaum vermeidbaren Schmunzeln gelesen 😉

    Ich kann Ihnen versichern, daß ich Ihren Blog nicht aus den Augen verlieren werde. Das, was ich bisher gelesen habe, hat ganz einfach Freude bereitet. Lassen Sie sich ja nicht abhalten …

    mfg, Michael

  4. solche originale und coole männer die möchte man unbedingt kennen lernen…und überhaupt toll, es gibt männer die sie nicht für fussball interessieren!
    bravo an berlin woman es zu zeigen!!

  5. TIPP FÜRS WM-HALBFINALE am 7. Juli 2010:

    Die Ausstellung „Glitter and be Gay. Erik Charell und die schwule Operette“ eröffnet PÜNKTLICH mit den Vorberichten zum WM-Halbfinale!

    Kommentar Kevin Clarke – Kurator:
    “And as luck would have it: Germany is playing football that night, so I guess all heteros will leave the museum at 20h. And leave the queens to their own enjoyment. (There IS a tv screen in the café in the front, don’t panik.)”

    Schwules Museum, EG (Eingang 1. Hof)
    Mehringdamm 61, 10961 Berlin(Räume bedingt barrierefrei zugänglich: drei Stufen)
    Dauer: 8. Juli bis 27. September 2010

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