Double Sexus, Berlin-Woman in der Ausstellung von Hans Bellmer und Louise Bourgeois

Berlin-Charlottenburg

Double-Sexus, Collage und Foto: Berlin-Woman

Bleiben wir bei den „wilden Herzen„. Im Blog spiegeln sich ja die eigenen Lebensspuren, unweigerlich fließen der Alltag, die Arbeit, die Ideen und Gedanken, Wünsche und Träumereien mit hinein.  Zumindest ist das bei einer authentischen Bloggerei so. Heute geht´s also um Erotik und Kunst. Dazu statten wir der Ausstellung „Double Sexus“ in der Sammlung Gerstenberg einen Besuch ab.

Der Maler, Bildhauer, Fotograf und Autor Hans Bellmer war von der Darstellung des weiblichen Körpers besessen. Dem Berliner Dadaisten und Surrealisten ging es nicht um den perfekten, schönen Frauenleib. Er zeichnete, malte, formte und fotografierte ihn als zerstückelte, entstellte, groteske Inszenierung. Sein Hauptwerk wurden eigens konstruierte Puppen aus Holz, Metall und Gips, die Bellmers eigenwillige Körpervorstellungen widerspiegeln.

Mit seiner Gefährtin, der Berliner Schriftstellerin und Künstlerin Unica Zürn lebte er in einem Pariser Hotel, wo sie gemeinsam arbeiteten und sich zunehmend der Außenwelt entzogen. Die psychisch kranke Zürn beging 1970 Selbstmord, Bellmer starb 1975.

Naheliegend wäre es gewesen, diesem Künstlerpaar eine Ausstellung zu widmen. Zu naheliegend, dachten sich wohl die beiden Kuratorinnen Silke Krohn und Kylikki Zacharias sowie der bisherige Leiter der Sammlung Scharf-Gerstenberg und jetztige Kurator der Neuen Nationalgalerie, Dieter Scholz.  Sie stellten Bellmer der großartigen und leider soeben verstorbenen Bildhauerin Louise Bourgeois gegenüber und kreiierten damit ein virtuelles Künstlerpaar.

Die feine, kleine Ausstellung ist ein kuratorischer Glanzpunkt unter den derzeitigen Berliner Kunstschauen.  Allein die extra designten schwarzen Stellwände aus Metallgitter! Sie schimmern wie Netzstrümpfe, wie schwarze Spitze oder wie geschwärztes Fensterglas. Bellmers Fotoaufnahmen und Zeichnungen korrespondieren mit den originellen Körperobjekten Bourgeois´so, als ob sie sich miteinander unterhalten würden.  Ihr Zwiegespräch handelt von Körpern, an denen Kugelgelenke, Prothesen und Maschinenteile haften, von gedoppelten und maximierten Geschlechtsteilen, von Fetischen, Kopulation, Masturbation und Perversion.  Die beiden Künstler scheinen sich über geschlechtliche Grenzerfahrungen, über sexuelle Fantasien und deren Abgleich in der Realität auszutauschen.  Dabei schwingt immer das Thema von Verletzung und Verletzbarkeit mit: Bellmers gezeichnete und fotografierte Frauen sind zarte, eingeschüchterte, ja kindliche Wesen.  Und Bourgeois bringt in ihren demonstrativ phallischen Objekten Macht und Gewalt, in ihren verzerrten und verfremdeten Frauenkörpern Ohnmacht und Ausgeliefertsein zum Ausdruck.

In einem Batailles „Geschichte des Auges“ gewidmeten Kabinett sind pornographische Fotografien von Bellmer versteckt. Nur die/der aufmerksame Besucher/in entdeckt sie unter schwarzem Samt in einer Vitrine.  Das ist zwar überhaupt nicht Kinder tauglich, aber ziemlich kitzlig. Die Ausstellung entläßt einen nachdenklich und sehnsüchtig. Angesichts der verblüffenden Ähnlichkeit zwischen Bellmers und Bourgeois´erotischer Fantasien drängt es einen zu sagen: „Alte Liebe rostet nicht“.  Doch können sich die beiden Künstler allerhöchstens in den 1940er Jahren in Paris begegnet sein. Nichts genaues weiß man nicht. Was bleibt, ist eine gelungene Ausstellung über ein immerwährend aufregendes, zwischenmenschliches Thema.

Double Sexus, Sammlung Scharf-Gerstenberg/Museum Berggruen, Schlossstr. 70, 14059 Berlin, bis zum 15.8.2010. 12/6 Euro Eintritt (Ticket gilt auch für das Museum Berggruen)



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