Berlin-Woman im erotischen Salon (Life-Talkshow für Neugierige)

Berlin-Prenzlauer Berg und das ganze Universum der Erotik

Die Moderatorin, Foto: Berlin-Woman

„Wenn Se nicht rücken, dreht sich hier kein Rad“, mäkelt der Busfahrer ins Mikro. Und „Schließen Sie doch mal auf“, drängelt ein Herr mit Mausgesicht im Trenchcoat, obwohl wirklich kein Platz mehr ist. Auf dem Weg zum „Erotischen Salon“ im Soda-Club der Kulturbrauerei geraten wir in den typischen BVG -Schienenersatzverkehr. Da hilft nur eins: Entspannung. Die soll man bekanntermaßen bei Erotik und Sex finden. Deshalb gehen wir auch heute abend zu Silke Maschinger und Enno Peter.

Die Erotik-Coacherin und der Marketing-Experte sind Garanten für niveauvolles Entertainment. Das legen sie auch heute, zur Jubiläumsveranstaltung, dem 18. Salon im 5 . Jahr, an den Tag. Locker und klug führen Silke im sinnlich roten Etuidress und Peter im geschmackvollen beigen Anzug durch den Abend. Dieses Mal haben sie die Dessous-Expertin Heide Meyer, die Flirtmeisterin Dietlind Tornieporth und Anja Braun vom Erotikmagazin „Feigenblatt“ eingeladen.

Berlin-Woman schaut sich verstohlen um. Wer geht eigentlich zu einem erotischen Salon? XX ab 35+ in Jeans, ein paar Poschs sitzen in der ersten Reihe. Die XY sind fast alle in Begleitung da, sie sehen ein bisschen schüchtern aus. „Gott sei Dank“ denkt sich Berlin-Woman, „bin da also nicht allein“. Dann entdeckt sie Michael mit seiner WG im Publikum. Und neben ihr sitzt ein süßes Pärchen, gerade mal Ende 20, schätzt sie. Er im Anzug mit Ohrring und Klunker, sie mit einem prachtvollen Dekolleté in Mieder und Minirock. Sie halten Händchen. Der Abend bringt so manche Einblicke.

Dem neusten amerikanischen Flirt-Trend, der PUA (auf Deutsch: Aufreiß-Kunst) will Berlin-Woman nicht so ganz was abgewinnen. Die mathematischen Strategien notorischer Single-XYs, die im „Kiss-Close“, „Number-Close“ und „Fuck-Close“ ihre Befriedigung finden, haben nix mit Liebe zu tun. Auch versteht Berlin-Woman nicht, warum sie ihre lang gehegten und gepflegten XX- und XY-Eigenheiten gegen eine „neue“ Weiblichkeit im Stil der Lady- Di-Kopfhaltung eintauschen soll. Was bringt´s, von vier Männern pro Stunde angesprochen zu werden, weil man 35 erfolgreiche Flirtsignale ausgesendet hat? Berlin-Woman will nur den einen, und zwar den Richtigen. Dem wird sie ihren Hals zum Küssen und zärtlichen Hineinbeißen (freiwilliger XX-Unterwerfungsgestus) anbieten, während er sie mit sonorer Stimme umsäuselt und sie zum Essen einlädt (archaisches XY-Versorgungssignal). Passiert das nicht ganz automatisch, wenn man verknallt ist?

Das „Feigenblatt. Magazin für Erotisches“, das vier Mal im Jahr und mittlerweile in einer 15.000er Auflage erscheint, bietet dagegen einiges Neues. Anja Baum, die das Journal im Rahmen einer Existenzgründung auf die Beine gestellt hat, sorgt für ausgewählte und äußerst schön gestaltete Themenhefte. Da gibt es z.B. Intellektuelles und Literarisches über Wasser, Liebe im Alter, Hingabe oder Film. Das Niveau der Beiträge macht es zu einem „schüchternen Magazin“, so Baum. Nichtsdestotrotz hat der Zensor im Winter 2008 ein Heft eingezogen, weil man auf einem Foto zwei halb eregierte Penisse erkennen kann. Und aktuell gibt´s Streit um einen literarischen Text über Cunnilingus. Als hätten die großen französischen Autoren, die man bei Dussmann & Co. zu kaufen bekommt, ihre Zunge im Zaum gehalten! „Good luck und hold on“ wünschen wir dem Blatt.

Der zweifellose Star des Abends aber ist Heide Meyer, eine echte Berlin-Woman. Ihre Geschichte und ihre Aktivitäten sind Berlin! Mit 15 wusste sie, dass sie in die Modebranche wollte, und noch vor ihrer Volljährigkeit, die in den 1950er Jahren bei 21 lag, ging sie in den Miederwarenbereich. Sie reüssierte zur Einkäuferin, u.a. im renommierten KaDeWe und machte sich in den 1970er Jahren mit dem Dessous-Geschäft „Lady M“ selbstständig. Die Unternehmerin hat die gesamte Entwicklung der Dessous-Mode mitverfolgt, vom hautfarbenen Mieder der 1960er Jahre bis hin zum „Slip ouvert“ von heute. Dabei ist sie sich treu geblieben. Hardcore kriegt man bei ihr nicht, wohl aber eine kluge und weltoffene Beratung, was die Erotisierung des weiblichen Körpers durch entsprechende Bekleidung anbetrifft. Heide Meyer ist Expertin, sie versteht Erotik als Kultur, und mit dieser Devise tritt sie an die Öffentlichkeit. Sie ist zwar im Rentenalter, aber sie sieht klasse aus und sagt so klasse Dinge, dass wir uns davon alle eine Scheibe abschneiden können. Ihre Geheimwaffe ist Diskretion: „Eine Dessous-Verkäuferin muss schweigen können“, sagt die Vorsitzende des Landesverbands deutscher Unternehmerinnen. In der Pause sagt sie Berlin-Woman noch viel mehr. Dazu wird´s ein separates Interview geben!

Zum Abschluss des Abends versteigern Silke und Enno noch einige erotische Objekte zugunsten der Berliner Aidshilfe, dem Partner dieses „erotischen Salons“. Berlin-Woman ergattert ein Paar Glückskugeln. Die dienen zur Kräftigung der Beckenboden- und Vaginalmuskulatur. Die Sitznachbarin raunt ihr zu, dass sie ihre fast immer trägt. Na, wir werden´s mal ausprobieren, das Ding mit dem Glück, meint Berlin-Woman. Im September geht´s mit dem Salon und seinen Expertenrunden weiter. Wem das zu lang hin ist, der kann die erotische Filmreihe besuchen, die Silke und Enno regelmäßig im Kino „Moviemento“ veranstalten.

Berlin-Woman fährt mit dem Schienenersatzverkehr heim, der Busfahrer lächelt sie an. Wie gesagt, Erotik bringt Entspannung.

Soda-Club, Schönhauser Allee 33, 10435 Berlin

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