Zum WE: Berlin-Woman findet eine blaue Blume

Im Grünen

Foto: Berlin-Woman

Novalis, der romantische Dichter, brachte sie erstmals ins Spiel. In seinem unvollendeten Roman „Heinrich von Ofterdingen“ taucht die blaue Blume als Sinnbild für Liebe, Sehnsucht und Selbsterkenntnis auf.:

„… Der Jüngling lag unruhig auf seinem Lager, und gedachte des Fremden und seiner Erzählungen. Nicht die Schätze sind es, die ein so unaussprechliches Verlangen in mir geweckt haben, sagte er zu sich selbst; fern ab liegt mir alle Habsucht: aber die blaue Blume sehn’ ich mich zu erblicken …“

Natürlich verlangte es den homosexuellen Novalis nach einem schönen Mann, hier in Gestalt eines geheimnisvollen Fremden. Mal ganz ehrlich, das Gefühl kennen die meisten von uns, und ob XX oder XY, ist doch ganz egal.

„… Was ihn aber mit voller Macht anzog, war eine hohe lichtblaue Blume, die ihn mit ihren breiten, glänzenden Blättern berührte. Rund um sie her standen unzählige Blumen von allen Farben, und der köstliche Geruch erfüllte die Luft. Er sah nichts als die blaue Blume, und betrachtete sie lange mit unnennbarer Zärtlichkeit. Endlich wollte er sich ihr nähern, als sie auf einmal sich zu bewegen und zu verändern anfing; die Blätter wurden glänzender und schmiegten sich an den wachsenden Stengel, die Blume neigte sich nach ihm zu, und die Blütenblätter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes Gesicht schwebte. Sein süßes Staunen wuchs mit der sonderbaren Verwandlung, als ihn plötzlich die Stimme seiner Mutter weckte …“

Toll, wie Novalis die Metamorphose der Blume in ein menschliches Wesen beschreibt.  Das Gesicht über dem blauen Kragen, ganz deutlich sieht man das vor seinem inneren Auge.

Und wie bekannt ist einem das: Man schwelgt gerade so richtig in seinen Träumereien und Fantasien herum, da reißen einen die nervige Alarmanlage an einem Auto, die gnadenlos berlinernde Stimme des Hauswarts, der sich über die zugeparkte Toreinfahrt aufregt, oder der eigene Schreckgedanke: „Mensch, die Waschladung  liegt ja schon seit einem halben Tag in der Maschine“ heraus.

Novalis schrieb um 1800. Das sind 200 Jahre her. So viel hat sich also gar nicht geändert.

Kleinere und größere Fluchten aus dem Alltag sind lebenswichtig. Schreibt eure „Reisen“ für „Berlin-Woman“ auf und schickt sie als Kommentar! Dazu klickt bitte auf „Kommentare“ recht unten. Dann öffnet sich ein Textfeld, in das ihr direkt reinschreiben könnt. Wir posten eure „Blaue Blume“ unter eurem Namen.

Ein Gedanke zu „Zum WE: Berlin-Woman findet eine blaue Blume

  1. Blau ist nicht nur die Blume. Es kann auch eine Stunde sein. Ruhig einmal das Gedicht „Blaue Stunde“ von Gottfried Benn lesen. Zum WE wünsche ich hiermit ein wenig Zeitlosigkeit!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.