Sternstunden II.: Gallery-Weekend und Walpurgisnacht mit Berlin-Woman

Berlin-Mitte, Galerienviertel Kochstraße, Galerienviertel Heidestraße

Foto: Berlin-Woman

Samstag, 2:00 Uhr morgens. Der erste Gallery-Weekend-Tag ist vorbei, und wir befinden uns auf dem Weg nach Berlin-Mitte. Mal schauen, wo dort noch in den Mai getanzt wird. Mit dem Rad geht es durch den Tiergarten an der Siegessäule vorbei. Die ist eingerüstet, und die Victoria sieht aus, als wäre sie in einen Käfig eingesperrt. Damit sie in dieser Nacht nicht mit den Hexen davonfliegt? Dafür ist aber ein ganzer Schwarm Nachtigallen freigelassen worden. Sie singen für uns und füreinander quer über die Strasse des 17. Junis. Ein richtiges kleines Konzert zum 1. Mai. Das Brandenburger Tor gehört uns ganz allein, kein Touri, keine Schulklassen, kein Flaneur und kein Politiker weit und breit. Hinein in Berlins Mitte, wo vor den Clubs viele Leute stehen. Da „Google“ den Maientanz in der Kulturbrauerei empfohlen hat, asten wir die gebirgige Schönhauser Allee hoch und sind dann auch schon da. Im „Franzz-Club“, einem ehemaligen DDR-Jugend-Club, spielen sie elektronische Musik, die Rock-Pop-Abteilung ist bereits zu Bett gegangen, und der Eintritt ist frei.

Für unsere ungeübten Ohren klingt die Musik anfangs ziemlich eintönig: laute, wummernde Bässe und ein paar hysterische Melodien. Aber der Dancefloor ist voll, und er ist mit seiner Bar im hinteren Bereich, ein paar Sitzmöbeln vorne und einer spaceigen Deko ansprechend. Außerdem kann man sich in eine Lounge zurückziehen, wo man nicht beschallt wird. Der DJ kommt in Fahrt, und langsam hört man sich ein: Du, der komponiert ja richtige kleine Sequenzen in das Gehämmere rein. Irgendwann klingt es dann wie total futuristische Musik. Das Publikum, das die 30 noch lange nicht gesehen hat, nimmt´s selbstverständlich. Man tanzt so mit der Bierflasche in der Hand, Pärchen versuchen sich im Standard und alle XYs sind auf dem Dancefloor. Obwohl das ja nun wirklich eine andere Generation ist, fühlt sich Berlin-Woman hier richtig wohl. Das ist echt was anderes als diese 30plus-Parties. Die Musik ist einfach genial, sie ist Kunst und sie verzaubert. Auf einmal ist die Zukunft da, man kann sie mit den Händen greifen. In einem solchen Zustand verknoten sich auch schon mal Rucksäcke, aber das ist eine andere Geschichte.

Genug Elektro. Es ist 4:00 früh, und Berlin-Woman verspürt keine Müdigkeit. Zeit für einen Szenenwechsel, also rollen wir den Schönhauser Berg hinab und direkt ins „Bassy“ rein. Das ist so ein cooler Club, dass er auch noch am Morgen den vollen Eintritt: 4 Euro, nehmen kann. Da aus dem Danceroom gerade eine Frau mit einer Stewardessenkappe rauskommt, ist das kein großes Opfer. „Das ist mein Laden“, denken wir, und täuschen uns nicht: Holzverkleidung, eine Bühne, Podeste, Kuschelecken mit Sofas, eine Lounge, ein separater Barraum. Das Ganze sieht aus wie eine umgebaute Scheune in Texas. Die Musik ist nur reinster Sechziger-Jahre-Sound. Doch eigentlich ist es das Publikum, das es so richtig knallen lässt: Mädels in Pettycoats mit Schleifen im Haar, Boys im Unterhemd mit Tatoos auf den Armen, Hearts of Gold, XYs mit Westernhüten, Westernhemden und Cowboy-Stiefeln. Das ist Rock´n´Roll pur. Und so fühlen wir uns auch, tanzen noch zwei Stunden lang und durch die Zeit hindurch.

Irgendwann beginnt aber immer der nächste Tag. Draußen ist es schon lange hell, die Nachtigallen sind verstummt, und jetzt sind die Spatzen, Elstern, Tauben und Meisen dran. „Oh, ist das grell, wieviel Uhr ist es denn: 6:00 Uhr, wo gibt´s denn hier noch oder schon einen Kaffee?“ Am Hackeschen Markt nehmen wir einen Cappuccino und chillen out. What a night oder auch: quel nuit, denn hier sieht´s aus wie früher in den Pariser Les Halles!

Dann aber schnell nach Hause und schlafen, denn das Gallery Weekend ist noch lang nicht vorbei. Samstag und Sonntag sind wir im Galerien-Viertel in der Kochstraße und in der Heidestraße unterwegs. So viele Kunst-Locations! z.B. hat sich in der Charlottenstraße, direkt gegenüber dem Arbeitsamt, eine beträchtliche Zahl renommierter Galerien angesiedelt. Es ist ein größeres Fertigungs- und Lagergebäude aus den sechziger Jahren, hell, mit Rampen, kleinen Aufgängen und Oberlichtern. Die ganze Pracht der „Konrad-Fischer-Galerie“, der „Galerie Barbara Thumm“, der „Galerie Gregor Poodnar“, der „Galerie ZAK/Branicka“ u.a. erschließt sich erst, wenn man das Innere betritt. Beeindruckend. Prickelnd ist auch, dass sich die Galerien den Platz mit der Weiterbildungsakademie „Forum für Berufsbildung“ teilen. Hier wird seit einem halben Jahr ein total innovatives Fortbildungsprogramm zum Galerie-und Kunstassistenten angeboten. Enger können doch die beiden Bereiche: Ausbildung und Arbeitsort, gar nicht beinander sein!

In der Kochstraße 60 gibt´s dann ein ganzes Galerienhaus, das allen Berliner Museen für zeitgenössische Kunst weit voraus ist. Und in der Heidestrasse am Hauptbahnhof, gegenüber vom Tape-Modern-Club, der sich übrigens auch mit einer Art Pop-Art-Memorial-Ausstellung beteiligt, sind noch mal ´zig Galerien zu entdecken. Auch sie haben sich einen Gewerbehof aus den sechziger Jahren erobert. Der Charme dieser Architektur liegt im „2xHinguck-Effekt“. Die eher zurückgenommene Außengestaltung lässt die großen Räume auf verschiedenen Ebenen nicht erahnen. Ideale Showrooms für aufstrebende Galerien. Berlin-Woman kontaktet Galeristinnen und Galeristen, die sich den Künstlerinnen verschrieben haben. Bald wird es Interviews und Berichte darüber geben. Heute, am Sonntag, ist´s aber erst mal genug.

Höchst inspiriert aber auch rechtschaffen müde nehmen wir einen Imbiss im soeben eröffneten „Resort“, einem Ableger vom „Rodeo-Berlin“, das rechts hinter dem Hamburger Bahnhof und der Galerienzeile direkt am Wasser liegt. Aufgeschütteter weißer Sand, Sitzgelegenheiten und Bars auf verschiedenen Ebenen, feines Essen, aufmerksame XYs und ein angenehmes Kunstpublikum lassen auf eine Location hoffen, die den übervollen Touri-Freischwimmer in Kreuzberg ablösen könnte. Endlich darf man wieder als Berliner/in den Sonntagnachmittag am Wasser und auf Deck dieses schönen Ladens verträumen. Wenn die drei netten Boys, die das Restaurant-Café aufgemacht haben, eine Frau mit „im Boot“ hätten, würden sie glatt einen Einzelbericht bekommen. Aber wir haben da unsere Prinzipien…

Franzz-Club, Kulturbrauerei, Schönhauser Allee 36, 10435 Berlin. Bassy, Schönhauser Allee 176a, 10119 Berlin. Resort.

Ein Gedanke zu „Sternstunden II.: Gallery-Weekend und Walpurgisnacht mit Berlin-Woman

  1. Carola, hast Du Dich geklont, um dieses Wochenende zu überstehen? Dicken Dank für Deinen unermüdlichen Einsatz!!!

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